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| | Hier finden Sie die archivierte Berichterstattung aus Afghanistan. Außerdem soll noch auf den Reisebericht der 1.Reise nach Afghanistan verwiesen sein.
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| 1-. 2005 | Es ist unglaublich, wie die kleinen Dinge sich am Ende noch gezogen haben. Ich war da natürlich nicht ganz unbeteiligt; dieses nicht bedacht, jenes vergessen – so musste ich trotz meiner begrenzten Möglichkeiten viele spontane Reisen unternehmen (auch wenn ich mir das so nicht vorgestellt hatte, war ich letztendlich im ländlichen Raum nur noch als Anhalter unterwegs).
Wir haben fertig verputzt, gestrichen, das Dach und die Toiletten beendet. Neben unzähligen anderen Kleinigkeiten haben wir auch einen kleinen Zaun installiert, mit dem ich den Kindern die sonst unausweichliche etwa zwei, drei Meter hohe Lehmmauer ersparen wollte, die bei dieser wunderschönen Lage dem Ganzen einen gehörigen Dämpfer verpasst hätte.
Eine kurzfristig organisierte Übergabe an die Schulbehörde unter Beisein des Bezirkvorstehers konnte noch statt finden, und zwei Tage später saß ich auch schon im Bus Richtung Grenze. Das ist nun schon fünf Wochen her. Langsam werde ich mir bewusst, wie froh ich sein kann, dass alles geklappt hat.
Und trotzdem habe ich, und hatte ich vor allem dort auch schon das dumpfe Gefühl, dass die Schule ihren Weg “in die Herzen” der Dorfbewohner nicht finden konnte; einige Wenige natürlich ausgeschlossen. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was ich diesbezüglich hätte anders machen können. Ich habe mich bemüht, den Lohn erhöht, fast keine Arbeiter aus den anderen umliegenden Dörfern eingestellt und versucht auch andere Probleme in gegenseitigem Einvernehmen zu lösen. Ich verstehe, dass es aufgrund ihrer wirtschaftlichen Lage sehr wichtig ist, wer wie lange arbeiten darf, wer wie viele leere Zementsäcke oder Farbeimer haben darf, war aber dennoch enttäuscht, dass es schließlich um nichts anderes mehr ging. Die hier gebräuchliche und stets sehr unvermittelte Aufforderung “Gib mir dies!” brachte mich schließlich nur noch auf die Palme.
Und so wundert es mich im Nachhinein auch nicht, dass mich die „Ausländerkrankheit“ doch noch erwischen konnte. Vielleicht weil ich gekränkt war. Ich hatte das im Vorfeld öfters beobachtet, dass viele Ausländer nach wenigen Monaten gelinde gesagt die Schnauze voll hatten, weniger vom Land als von seinen Bewohnern. Mit dem Spracherwerb hatte ich das Glück und die Möglichkeit relativ nahe und unauffällig an Menschen heranzukommen, die nicht Englisch sprachen. Diese Nähe wurde mein Problem als ich mich ihrer nicht mehr erwehren konnte. Ich wurde nur noch erdrückt. Vielleicht braucht man ja auch in Beziehungen zu Ländern hin und wieder mal den berühmten “Abstand”.
Ich hatte mich bemüht unnötige Kosten einzusparen, also gab es keinen Ingenieur und deshalb wurde auch keine Baufirma eingesetzt. Das hat sehr gut geklappt. Auf einem anderen Feld ist dafür vieles falsch gelaufen: eines der Projektziele war es ja, den Dorfbewohnern während der Bauzeit eine zusätzliche Einnahmequelle zu verschaffen. Das hat auch geklappt, allerdings musste ich den allergrößten Teil an anderen Stellen ausgeben. Die Materialien haben am meisten gekostet und kamen vor allem aus der Stadt; der Schweißer hat gute Arbeit geleistet, war dementsprechend teuer, kam zwar nicht aus der Stadt, aber führt ein Luxusleben auf dem Lande; die beiden Maurer kamen immerhin auch aus einem Nachbardorf, aber leben dort in relativem Wohlstand. Und all die Materialverkäufer, die ausgefuchsten Händler aus der Stadt: wer Tee verkauft, braucht nicht viel Startkredit, aber bei Stahlträgern wird das schon schwieriger. Solche Geschäfte kann man nur mit einer ohnehin kreditfähigen Familie im Rücken antreten. Selbiges gilt für Zement, Gips, etc., kurz für die großen Posten. Dieses Geld war ich also gezwungen Leuten zu geben, bei denen man das Gefühl hat, sie bräuchten es am aller, aller wenigsten. (Und dann sind es auch noch diese gestandenen Geschäftsmänner, die das Lied des armen, rückständigen und auswegslosen Afghanistans am lautesten zu singen in der Lage sind).
Wie man allerdings verhindern könnte, dass reiche Geschäftsmänner /-familien an diesen Projekten so sehr verdienen, wüsste ich nicht einmal heute. Eine sehr deprimierende Erkenntnis.
Aber kommen wir noch ein letztes Mal zurück in „mein“ Dorf.
Da man sich hier in den Dörfern gegenseitig dabei hilft, den Weizen zu dreschen, kam es in den letzten beiden Wochen zu vielen gemeinsamen Abendessen, durch die man sich bei den jeweiligen Helfern mit Hähnchenfleisch (!) revanchiert. Auch ich hatte hin und wieder die Heugabel geschwungen, gesiebt oder sonst wie teilgenommen und war also bei einigen dieser Treffen anwesend.
Wenn man dann gesättigt beieinander sitzt, geht es um Dorfprobleme, die Parlamentswahl o.ä. Eines Abends nahmen sie mich zu zehnt eine Stunde ins Kreuzverhör über meinen Glauben und meine Religiosität. Da ich zu der Zeit schon elf Monate von eifrigen muslimischen Missionaren umgeben war, hatte ich auf die häufigsten der immer wieder gestellten Fragen meist ausweichende Antworten zurecht gelegt. Mitunter geriet ich dann auch zum glühenden Verfechter des Christentums, denn eine Schwäche darf ich dieser Religion nicht eingestehen, sonst führt in ihren Augen kein Weg mehr an der Konvertierung vorbei. Und die bemühte ich mich zu umgehen. Als mir dieses wieder einen Abend lang gelungen war, schloss der Mullah mit einem Hinweis an seine versammelten Schäfchen, dass man daran mal wieder sehen könne, wie gefährlich der Umgang mit Christen werden kann: denn wenn es zehn Moslems nicht gelänge einen Christen zum Konvertieren zu bringen, wie einfach muss es zehn Christen fallen, einen einzelnen Moslem zu überzeugen!
Am Vorabend der Parlamentswahl, geht es in einer dieser Runden um das bevorstehende Ereignis.
Man legt mir nahe, einen arbeitsfreien Tag einzulegen um Niemanden zum Arbeiten zu verführen. Es sei ja schließlich so, dass Nichtwähler später mal Probleme bekommen könnten, in der Stadt oder so. Tatsächlich wird jedem Wähler ein Loch in den Personalausweis gestampft (ein Loch allerdings, das sehr leicht zu imitieren wäre, werden doch gewöhnliche Locher benutzt). Dass dies in einer Demokratie nicht vorkommen dürfe, überzeugt sie schließlich, denn jeder müsste ja selbst entscheiden dürfen, ob er wählen geht oder nicht, ob er arbeitet oder eben nicht. Diese demokratischen Prinzipien sind noch nicht ganz verinnerlicht, aber sie werden im Großen und Ganzen ganz gut verstanden. Mit der Demokratie verbindet man hier allgemein den Fortschritt, vor allem den technischen. Wenn wir demokratisch werden, dann wird der ersehnte technische Fortschritt endlich Fuß fassen können. Wenn die westlichen Länder technisch fortgeschritten sind, muss das ja einen Grund haben, und der wird fast ausschließlich in der Demokratie vermutet. Ob das jemand so gewollt hat, weiß ich nicht, jedenfalls wird so gedacht. Die Wahlen an sich laufen natürlich noch ein wenig anders ab, als bei uns. Es geht noch viel weniger um Inhalte als bei uns. Die Konterfeis schöner Kandidatinnen stehen hoch im Kurs, man ziert mit ihnen die Häuser und öffentliche Plätze. Am Wahltag selbst bin ich allerdings überrascht, wie gut organisiert und geordnet die Wahl abläuft, zumindest in dem Wahllokal, das ich besuche.
Allgemeine Beobachtungen
Kommen wir zurück zu den anderen Ausländern vor Ort und verzeiht mir eine kurze Erregung. Ich war nicht mit Vielen in Kontakt gekommen. Das Auffallendste ist wohl, dass man sich sehr umeinander kümmert oder sorgt. Das mag eine normale Erscheinung des Exilantentums sein. Dass die Kreise in denen man sich trifft, sehr abgeschlossen sind, vielleicht ebenfalls, wirkt es auch sehr unnatürlich. In Kabul gibt es z.B. einige Restaurants westlichen Standards, in denen man Afghanen nicht begegnet (dass sie nicht eingelassen werden, kann ich nur vermuten, denn es gäbe sicherlich genügend, denen das Angebot über die Preise hinweg zu sehen mehr als nur behilflich zu sein sich in der Lage befinden müsste). Auch sind hier die abendlichen Disco-ähnlichen Veranstaltungen zu nennen; allabendlich in Kabul – ich war einmal in Herat auf einer Shrek-Verkleidungsparty zugegen. Dort wurde, reichlich angeheitert viel über die Afghanen geredet. In einer Art und Weise allerdings, das einem schlecht werden konnte. Man hat das beklemmende Gefühl, dass da schon ein gerüttelt Maß an notwendigem Respekt über den Jordan gegangen ist. Ich kann mir diese Leute gar schwer vorstellen, wie sie des morgens mit Kater in ihren Büros sitzen, die Armut ihrer Gastgeber verwalten und Lösungen vorantreiben sollen. Wahrscheinlich müssen sie stündlich per Online-Banking ihren Kontostand abrufen um nicht zu verzweifeln. Ein Ingenieur, Neu-Einsteiger bei der UN-Organisation IOM bekommt 4000 US-Dollar. Steuerfrei. Der deutsche Ingenieur weiß ganz genau, warum das alte Wasserprogramm des KfW besser ist als ein anderes, neugeschaffenes: den Ausschlag gibt die Anzahl der gezahlten Heimatflüge pro Jahr.
Abschließend zu kurz gehaltene Bemerkungen zur US-geführten Intervention:
Die kleinen Leute, die nie weg konnten, diese kleinen Leute äußern sich mehrheitlich zufrieden mit dem Ergebnis, der relativen Ruhe. Diese Leute haben auch unheimlichen Respekt vor den nun patrouillierenden Panzerwagen. Hier kann die bloße Präsenz wohl Kriminalität verhindern, gleichwohl betrifft dies mehr die (durchaus zermürbende) Kleinkriminalität als die großen Machenschaften. Die professionelle Kriminalität (v.a. Drogen) hat es seither insgesamt mit Sicherheit leichter.
In den Städten konnte sich einiges entwickeln. Manche Straßen in der Stadt gleichen mittlerweile mailändischen Laufstegen; wenn auch noch nicht der Kleidung wegen, so erinnert doch die Atmosphäre an solche Szenarien: Nahe den höheren Mädchenschulen bewegen sich die blau oder schwarz betuchten Trauben vorbei an Männern aller Altersgruppen, die Spalier stehen und ihnen ihre ungeteilte Aufmerksamkeit nicht verweigern. Wohl halten die Spalierstehenden noch gewisse Abstände ein, und auch versucht man nicht allzu abgelenkt zu wirken, aber man scheint schon bemerken zu können, dass dies etwas relativ Neues sein muss.
Jenseits der Städte natürlich ein ganz anderes Bild. Hier versichert man mir auch, dass es (in Bezug auf Frauen und deren Behandlung) keinen Unterschied gibt zu der Zeit der Taliban. Was allerdings ausdrücklich auch die Wenigsten für wünschenswert hielten! |
| 9-. 2005 | Der aufmerksame Leser wird sich fragen, ob die Schule nicht langsam fertig sei – drei Wochen schließlich sind fast rum. Sein noch aufmerksamerer Zunftgenosse weiß jedoch was er von meinen Prognosen halten darf. Ich muss zugeben, dass sie unhaltbar war, die Drei-Wochen-Prognose, kann zu meiner Verteidigung aber immerhin anführen, dass die zeitraubende Zweitverputzung von etwa 460 Quadratmetern nicht geplant war. Mittlerweile rechne ich mit knapp zwei verbleibenden Wochen bis zur Fertigstellung. Diese Mehrarbeit hat einen schönen Grund: es ist Geld übrig. Zwar ist praktisch alles ein bisschen teurer gewesen als veranschlagt, aber ich hatte Vorsicht walten lassen, und genügend Spielraum gelassen.
Die Toiletten haben inzwischen Mauern und Putz, die Zimmertürrahmen sind eingesetzt, Fenstersimse gegossen, alle möglichen Mauerabschläße, sprich Winkel fast rechtwinklig und fast gerade verputzt, die Zimmerböden geebnet und von hohen Fundamentteilen gewaltsam befreit, der Dachvorsprung ist gemauert, die Dachfläche mit Kies ausgelegt, mit einer ersten Estrichschicht belegt und hoffentlich wasserdicht von Teer überzogen, in den Zimmern schließlich ist der Estrich fertig gegossen (nachdem das Zementproblem sich völlig unerwartet in Wohlgefallen aufgelöst hatte und uns urplötzlich weitere fünf Tonnen zur Verfügung standen). Außen erfreut eine zweite, feinere Zementputzschicht das Auge des Betrachters, und innen lässt der noch feinere Gipsputz sein Herz hüpfen (meines zumindest).
Auch ansonsten kann ich mich derzeit nicht beklagen. Die eigens angefertigte Hängematte habe ich zwar noch nicht benutzen können und musste mich außerdem auf schmerzliche Tarifverhandlungen mit meinen E.coli-Bakterien einlassen, als sie nach übermäßigem Weintraubenverzehr (aus dem angrenzenden Garten) in den Warnstreik getreten waren, der seinerseits nur mit Antibiotikum zu brechen war. Seitdem gönne ich mir eine Weintraube pro Tag, das haben sie mir bisher noch nicht übel genommen. (Bei den Tomaten habe ich mich nach ähnlichen Erfahrungen auf eine Nullrunde eingelassen.)
Aber die angrenzenden Felder haben mittlerweile ganz andere Kaliber aufgefahren: die Honigmelonen beginnen gelb und damit unwiderstehlich süß zu werden. Nachdem man in den letzten vier, fünf Wochen von früh bis spät damit beschäftigt war seine zwei bemaulkorbten Kühe in enggezogenen Kreisen über die Weizenernte zu scheuchen, um den Weizen von der Spreu zu trennen, setzt man sich nun in der brennenden Mittags- und Nachmittagshitze in die Melonenfelder, schlitzt gnadenlos Honigmelonenleiber, und kühlt sein Mütchen mit einer gehörigen Ration süß-gelblichem Honigmelonenfleisch. Bald werden wir davon natürlich genug haben, doch verzweifeln müssen wir daran wahrlich nicht. Die Granatäpfel sind schon ganz rot geworden. In meinen Augen ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie gepellt werden wollen. Aber noch predigt man mir Geduld. Walnüsse werden hin und wieder verzehrt, auch wenn sie noch nicht ganz hart geworden sind (zieht man ihnen allerdings die Haut ab, ergibt sich dennoch schon eine mir bisher unbekannte geschmackliche Freude).
Kommen wir zurück zur harten Arbeit auf der Baustelle. Dass ich an Verabredungen ganz gerne festhalte, und auf ihre Einhaltung poche, dass scheint meinen Mitarbeitern am schwersten zu fallen mit mir. Der Wächter, mein engster Begleiter und Berater, der auch bei den meisten Gesprächen mit den Arbeitern und anderen “Vertragspartnern” anwesend ist, hält es mittlerweile für angebracht bei einer sich anbahnenden irgendwie gearteten Verabredung oder Übereinkunft meinen Gegenüber sinngemäß darauf hinzuweisen, dass diese Ausländer Leute seien, die ersten nichts vergäßen und außerdem nicht nur auf der Einhaltung von Verabredungen bestünden, sondern auch noch auf den besprochenen Fristen. (Was für eine Unart!)
Dem Kieslieferant habe ich bei der letzten Lieferung 20% weniger gegeben, weil er mal wieder einen Tag später kam als besprochen. Er war darüber so erstaunt, dass er es fast ohne Gegenrede hingenommen hat. Die Arbeiter schickten immer öfter ihre Kinder wenn sie etwas anderes zu tun hatten oder blieben einfach unersetzt fern (“es sind doch genügende da!” bekomme ich dann zur Antwort). Das ist zwar ganz normal hier, hat mir aber trotzdem nicht ins Zeug gepasst und also habe ich diese Arbeiter suspendiert. Seitdem haben sie abwechselnd Kopf- und Bauchschmerzen.
Zu den verschiedenen Gebieten, auf denen eine uns ferne Art von Glauben hier tief verwurzelt ist, gehört ja wie einst erwähnt auch die Behandlung von Krankheitserscheinungen. Wie akut die sein können habe ich kürzlich erstaunt festgestellt, als ein weinender etwa Zwölfjähriger dem Dorfmullah vorgeführt wurde. Ein verfaulter Zahn schmerzte ihn. Der Mullah: “da machen wir einen Nagel”. Er schrieb etwas auf einen kleinen Zettel und hämmerte ihn mit einem dicken Nagel an die Wand. Fertig. (Als der Junge nach zwanzig Minuten allerdings noch immer weinte, sah man sich gezwungen Teile eines befeuchteten Zigarettenfilters mit zerriebenem Tabak zu bestreichen und in den Zahn zu legen; wahrscheinlich als Betäubungsmittel).
Bleiben wir bei Zahnschmerzen. Ich wurde schon darauf hingewiesen, dass im Bezirkszentrum zwar Ärzte sind, aber dass die nicht gut sein können, weil ein guter Arzt sicher nicht dort arbeiten würde. Nun gut. Dass Zähne eher gezogen als behandelt werden, ist aber sicher auch in der Stadt so. Mein Schreiner erzählt mir nun aber folgendes: Nach tagelangen Zahnschmerzen hat er sich aufgerafft zum Arzt zu gehen. Der zog einen Zahn. Die Schmerzen blieben. Als sie den gezogenen Zahn zerschlugen, erwies er sich als völlig gesund. Und auch der Nachbar war nicht der Störenfried, nein, erst der Dritte schließlich war’s. Was für eine Quote. |
| 8-. 2005 | Nein, das Zementproblem ließ sich so schnell nicht lösen. Zwar gibt es seit etwa zwei Wochen wieder frischen Zement aus dem Iran, aber leider hat der Laden, dem ich mein Geld im Vorhinein anvertraut hatte, davon bisher nicht profitiert. Jedenfalls kann er mir glaubhaft versichern, bisher davon noch nicht profitiert zu haben. Ich bin diesbezüglich in einer etwas jämmerlichen Situation. Zement ist erhältlich, aber noch immer über die Hälfte teurer. Ich denke er hat als die Preise anfingen zu steigen spekuliert, alles verkauft, und sitzt nun auf dem Trockenen. Kauft er meinen Zement beim Großhändler ein, zahlt er kräftig drauf. Nehme ich mein Geld zurück, worauf er sicherlich spekuliert, zahle ich kräftig drauf, weil ich Zement brauche. Gehe ich zur Polizei um meine Position durch zu setzen, zahle ich wahrscheinlich eine Menge Bachshish, und gehe das Risiko ein, jede Verhandlungsbereitschaft zu verspielen. Fest steht, ich werde draufzahlen, fragt sich nur noch wie und an wen.
Da mein Restkontingent beim Händler sowieso nicht ausreicht, um unseren Zementhunger zu stillen, und unsere Arbeit zu versiegen drohte, habe ich mich über alle Widerstände kurzerhand hinweggesetzt, und den hohen Preis vor einer Woche einfach gezahlt (ohne mein Kontingent anzutasten). Den Zement haben wir mit großem Hunger verschlungen. Vorgestern hat er mir versprochen zu liefern. Dabei blieb es dann aber auch. Beim Versprechen. Seit sieben Wochen verspricht er mir nun schon das Blaue vom Himmel herunter. Darin ist er groß und einzigartig, wie viele seiner Landsleute auch. Geschickt webt er ein, wie großartig meine Arbeit ist, dass ich ein reineres Herz habe, als alle Moslems zusammen, dass es ihm buchstäblich wehtut, mich leiden zu sehen usw.
Nachdem die letzte Decke verputzt war, kamen die oberen Hälften der Innenwände dran, ebenfalls mit Gipserde. Kurz bevor diese Arbeit zu Ende ging, kam ich mit meinen drei Tonnen Zement. Außenputz, Fundament, Sockel und Boden der Toiletten sowie flache Zementziegel um die Außenmauern oben abzuschließen haben wir damit bisher gemacht. Für die Toilettenmauern, den Mauerabschluss des Schulgebäudes oben und ein bisschen Innenputz wird der Zement noch reichen. Außerdem haben wir angefangen, die inzwischen angekommenen und lackierten Fenster einzusetzen. Von den Zimmertüren sind immerhin schon die Rahmen da, die können wir also auch einsetzen, die Eingangstür liegt bereit, die Toilettentüren sind da und ebenso Holzplanken für das Dach des Toilettenhäuschens (wenn das auch nicht die eleganteste Lösung ist).
Was jetzt noch nicht vor Ort ist, sind die Materialien fürs Dach (Teer, Dachpappe, Schweißbrenner), die Farben, Fallrohre für das Dachwasser und Glas. Ansonsten müsste eigentlich alles dort sein. Langsam beginne ich also rückwärts zu rechnen. Wieviel Tage liegen noch vor uns. Ähnlich wie meine Prognosen zum Baubeginn, wabern die Zahlen unvorhersehbar. Seit einer Woche nun schon, gehe ich von drei verbleibenden Wochen aus. Weniger wird es indes nicht. Jedesmal, wenn ich es durchrechne, fällt mir etwas Neues ein, oder auf, dass etwas anderes mehr Zeit in Anspruch nimmt.
Das Idee der Arbeitsteilung bezüglich Einberufung der Arbeiter hat sich nicht als Erfolgsmodell erwiesen. Ich wurde mehr und mehr fehlinformiert, musste Einigen hinterher rennen, und blieb erneut auf meinen schlauen Plänen sitzen: mal kamen mehr, mal weniger als erwünscht. Als ich mich eines Tages wundere, warum die bestellten Arbeiter nicht kommen (obwohl es doch ein Überangebot gibt), stelle ich den Vorsitzenden des Dorfrates daraufhin zur Rede (er ist es ja, der sie mir schicken soll). Er hebt an zu einem Vortrag, dass ich das Dorf und seine Bewohner nicht in schlechter Erinnerung haben soll, deshalb versuchen sie mir alles so recht als möglich zu machen. Auf die erneute Nachfrage, warum denn die bestellten Arbeiter nicht kamen, schließlich war es nur das, worauf ich wartete, erklärt er mir, dass dies aus dem eben Geschilderten zu erschließen sei. Natürlich verstehe ich nicht, was er meint. Also liefert er mir die Lösung, und mir damit einen Grund mehr, verdutzt zu sein: Da ich mein Anliegen lediglich einmal geäußert hatte, und er außerdem nicht das Gefühl hatte, dass ich zwei weitere Arbeiter brauche, dachte er sich herausnehmen zu können, an Stelle meiner abschließend beurteilen zu dürfen, dass mein Wunsch nicht Ernst gemeint gewesen sein könne oder zumindest jeglicher Logik entbehrt. Also hat er mir, um mich vor den negativen Folgen dieser Fehlentscheidung zu bewahren, keine Arbeiter geschickt.
Ich habe ihn nicht gefragt, ob er es nicht schlicht vergessen hat. Ich habe ihm nur gesagt, dass ich in Zukunft wieder alles selbst in die Hand nehme.
Bismillah Rachman-e-Rahim heißt übrigens eher “im Namen Gottes beginne ich”. |
| 8-. 2005 | Mit den Arbeitern bin ich weiterhin weitgehend zufrieden, aber die Auswahl derselben wird immer komplizierter. Die auf ihren Einsatz Wartenden differenzieren sich immer weiter aus. Da gibt es diejenigen, die finanziell noch schlechter gestellt sind als andere, und diejenigen, die sich ihre Arbeitsberechtigung durch Kooperation erkauft haben zu meinen, indem sie von ihrem Wasserkontingent für die Schule stets eine Stunde abgetreten haben, wenn es nötig war. Das kommt erst jetzt nach und nach ans Licht. Allerdings schwer vergleichbare Fälle: Manche haben 24-Stunden-Kontingente, ihnen fällt es leicht, eine Stunde abzutreten, andere haben nur zwei Stunden zur Verfügung, sie neigen natürlich dazu, zu verweigern, wieder andere haben gar kein Land selbst gepachtet (was auf notorischen Geldmangel hinweist), deswegen auch kein Anrecht auf (Bewässerungs-) Wasser, aber sollte ihnen deshalb auch noch die Möglichkeit verwehrt werden, wenigstens an der Schule etwas Geld zu verdienen?
Die Undurchschaubarkeit der Situation war schließlich nicht mehr zu übersehen. Ich wäre zwar wahrscheinlich auch mit dem Argument durchgekommen, dass ich mir die Arbeiter selbst aussuchen kann, und mir da von niemanden reinreden lassen muss, so denn auch die Haltung des “Dorfgroßen”, einer dato informellen Dorfauthorität, an den sich einige Frustrierte schon vergeblich gewandt hatten. Unnötig kam mir aber das Risiko vor, zu viele Stimmen gegen mich aufzubringen. Also habe ich mich an diese Dorfauthorität gewandt, und ihn gebeten, mir dann neue Arbeiter rauszusuchen, wenn es nötig ist. So liegt es also bei mir, Arbeiter zu entlassen, und zu bestimmen, wann ich wieviele benötige, aber er darf entscheiden, wer die Truppe bereichert. Aus der informellen Dorfauthorität ist vor wenigen Tagen eine offizielle geworden. Im Vorlauf der Parlamentswahlen, und der damit einhergehenden Installation aller möglicher anderer Gremien, wurden auch auf Dorfebene Verwaltungsstrukturen als verbindlich eingeführt. Er ist nun offiziell Vorsitzender des Dorfrates. (Wenn das wiederum auch rein garnichts ändert.)
Zementnot ist tatsächlich eingetreten, zwar habe ich von den bisher 15 bezahlten Tonnen erst zehn erhalten, aber wenn der Händler keinen Zement hat, kann er halt auch keinen liefern. Die Preise haben ihren Höchststand (innerhalb von zwei Wochen 110% Anstieg) zwar überschritten, aber Neuen kann ich noch immer nicht kaufen, noch sind es etwa 60%. Auch der Händler ist wie gesagt nicht in der Lage zu liefern, und speist mich seit drei Wochen mit Antworten ab, die da reichen von “übermorgen kommt Zement” bis “übermorgen kommt sicher Zement – wenn Allah will”; eine unglaubliche Schwankungsbreite.
Den noch vorhandenen Zement haben wir schließlich mit Kalk gestreckt, und konnten so immerhin die Mauern fertigstellen sowie das Dach mit einem lustigen Mauerstreifenmuster überziehen. Diese Mauerstummel geben die Neigungen für den später zu gießenden Beton vor, der dann das Wasser zum Ablaufen bewegen soll. Mit den Toiletten haben wir zwischenzeitlich angefangen, aber da kommt man ohne Zement auch nicht weit. Außerdem habe ich viel, nein: viel, viel zu spät die Fenster und Türen in Auftrag gegeben, und so haben wir mangels Alternativen angefangen innen zu verputzen. Das ist zwar nicht unbedingt an der Reihe, aber stört auch nicht sonderlich, und geht ohne Zement von Statten: Ähnlich wie die Mischung für das Dach, verwenden wir hier Tonerde mit Putz-Gips. Qala-e-Sefid, wörtlich “die weiße Burg” (wobei “Burg” auch für soetwas wie Dorf oder Siedlung gebraucht wird) führt nicht umsonst “weiß” in seinem Namen. Man kann hier weiße Erde finden. Sie ist stark gipshaltig, und hat schon ihren Weg an die Zimmerdecken gefunden. Gegen den Willen der Maurer wird dieses heimische Produkt auch an den Innenwänden zum Einsatz kommen.
Zwei Arbeiter habe ich in eine kleine, nahegelegene Grube geschickt, wo sie also Raubbau betreiben. Auf die vorsichtige Frage, wem dieses Gelände denn gehöre, antwortet man mir, über eine so dusselige Frage sichtlich erstaunt: “na, Allah natürlich!”. (Das ist allerdings nicht immer so eindeutig: von großer Bedeutung sind ja hier z.B. Weideflächen für die Schaf- und Ziegenherden. Nach offizieller Lesart handelt es sich dabei um größtenteils öffentliches Land, wenn der Status nicht sowieso ungeklärt ist. Die Leute sagen mir, es gehöre Allah, und es gebe also überhaupt keine Probleme mit der gemeinschaftlichen Nutzung. In der Umgebung haben allerdings in den letzten Monaten bereits vier Menschen ihr Leben lassen müssen, aufgrund von Auseinandersetzungen über ebendiese Weidenflächen; vor allem zwischen verschiedenen Dörfern kommt es zu Streit über Nutzungsrechte. Man sollte also vorsichtig sein.) Mittlerweile habe ich übrigens auch rausgefunden, was die Maurer vor jedem neuen Arbeitsschritt murmeln, und die Arbeiter, wenn sie einen besonders schweren Stein heben müssen, oder sich vor eine vergleichbare Aufgabe gestellt sehen (zu denen auch das Essen fassen zählt): Bismillah Rachman-e-Rahim (arabisch für “im Namen Gottes, dem …, dem …). Das hat, ähnlich wie unser “Gott sei Dank”, nicht viel mit überzeugter Gläubigkeit zu tun, was sich mir dadurch verdeutlicht, dass ich sie zum regelmäßigen Beten praktisch zwingen muss; ich möchte ja schließlich meine Freundschaft mit dem Mullah nicht auf die Zerreißprobe stellen. Zu diesem Programm gehört auch, dass ich zum ersten mal den heutigen Freitag gezielt zum Ruhetag erklärt habe, um ihnen wenigstens die Chance zu geben, in die Freitagsmoschee zu pilgern.
Auf anderen Gebieten ist ihre Gläubigkeit sehr tief verankert, mit einer nicht in Frage stellbaren Selbstverständlichkeit. Bei bestimmten Krankheiten geht man garnicht erst zum Arzt ins – immerhin nahegelegene – Kreishauptstädtchen (denn sie wissen allzu gut einzuschätzen, dass es kein guter Arzt sein kann, der dort praktiziert, ein guter Arzt wäre nämlich entweder in der Stadt, an der Uni, oder im Ausland, und ein guter Arzt würde nicht so schnell zur Säge greifen, wie es dieser wohl zu tun beliebt), nein, man sucht einen besonders fähigen Mullah auf, der die bösen Geister beschwört. Als uns eines Abends zwei Skorpione im Zelt besuchen, schlägt mir der Wächter vor, spezielle Erde um das Zelt zu streuen, die Skorpione tötet. Ich denke zurerst an behandelte Erde, mit Gift oder ähnlichem, von der ein kräftiger Haufen nötig ist, aber es handelt sich um eine Hand voll beschwörter Erde (ich weiß es nicht anders zu nennen), die der Wächter um das Zelt streut. Er weiß so gut wie ich, dass der Wind sie in wenigen Stunden kilometerweit transportiert haben wird, ist aber fest davon überzeugt, dass nun kein Skorpion mehr lebendig ins Zelt gelangen kann. Bisher hat er entweder Recht behalten, oder mir ein solches Vorkommnis zu verheimlichen gewusst. Ich jedenfalls, hege nicht die geringsten Zweifel am Erfolg der Methode. Bei einer akuten Krankheit würde ich dagegen wohl einige Schwierigkeiten haben…
Zurück zur Arbeit. Die ersten drei Fuhren raubgebaute Gipserde hohle ich höchstpersönlich ab. Ein Wüstenschiff war für den 15-minütigen Ritt durch die angrenzende Wüstenlandschaft leider nicht aufzutreiben, dafür ein kleines Wüstenschlauchboot: einen sehr intelligenten Esel habe ich angemietet. Der Besitzer bringt ihn sogar zeitweise zum Galoppieren, in meinen Händen trabt er nur sehr gemächlich vor sich her und bleibt manchmal einfach sehr unvermittelt stehen; wirkt dabei, als genieße er die Aussicht.
Der ständige Wind macht die Zubereitung des Gipses zu einer sehr unangenehmen Arbeit. Die Gipspartikel stehen in den Räumen, die sonst weißen Augäpfel färben sich immer öfter rot, und manche wissen sich nur mit Totalvermummung zu helfen, die sich zwar negativ auf die Orientierungsfähigkeit niederschlägt, aber wirklich der letzte Ausweg ist (Taucherbrillen haben wir mittlerweile immerhin zwei an der Zahl).
Das also ist der Stand der Dinge: Die Decken werden zur Zeit von innen verputzt, dann kommen die Innenwände dran, werden Fenster und Türen eingesetzt, aber dann brauchen wir unbedingt Zement. Haben wir Zement, kann es an allen Ecken und Enden weitergehen: die Toiletten brauchen ein Fundament, einen Boden, Wände, Dach, Türen, etc., das Schuldach Estrich, Teer, Dachpappe und nochmal Estrich, die Außenwände Zementputz, der Boden Estrich, und schließlich schreit alles nach Farbe. Es wird sich jedenfalls noch hinziehen.
Nun bin ich also mal wieder in der Stadt, Gips brauchen wir, und vielleicht lässt sich ja auch das Zementproblem endlich lösen! Als ich abends in die Stadt zurückkomme, sucht mich nachts um zwei, ein Mitbewohner auf, er ist eingefleischter Mujaheddin, und erklärt mir, dass zu viel Demokratie nicht gut sei für die Afghanen. Er kann nicht schlafen. Durch die Nachbarschaft dröhnt Live-Musik aus Lautsprechern. “Sie benutzen die Freiheit nur, um Anderen auf die Nerven zu gehen”. |
| 7-. 2005 | Ganz so, wie ich es erwartet hatte, war es nicht, als ich letztes Mal wieder zur Baustelle zurückkam. Zwar waren alle Süßigkeiten aufgefuttert, aber ich konnte keine stichhaltigen Beweise finden, dass nicht gut gearbeitet wurde. Das Ausschachten für das Fundament zog sich schier endlos hin, und ließ mich schon befürchten, dass wir hier in einem Jahr nicht fertig würden. In dieser Zeit tat mir außerdem alles weh: die Hände, wie beschrieben, dann der Rücken, weil alle Arbeit gebückt verrichtet wird, bis hin zum Essen im Schneidersitz, und schließlich die Lippen. Ich konnte einige Tage nichtmal Lächeln. Der Wind bläst mittlerweile schier ununterbrochen. Es ist der berüchtigte 120-Tage-Wind, der zum Glück meist kühl ist, selten die Richtung wechselt, aber auch viel Sand mit sich bringt und mitunter in kleinen, kräftigen Wirbeln antanzt. Der hatte also meine Lippen komplett ausgetrocknet, worauf mir der Wächter selbstgemachtes Ziegenfett brachte, dass ich vor dem Schlafen, ich staunte nicht schlecht, um den Bauchnabel schmieren musste, und auch ein bisschen auf die Lippen. Welch ein wundervoller Geschmack! Aber kurz darauf konnte ich auch wieder Lachen.
Als wir dann endlich nach acht Arbeitstagen, das Stahlbetoneisen war geflochten und eingelegt, 80 Verankerungsschrauben kunstvoll verdrahtet und millimetergenau justiert, Kies und Wackersteine geliefert, zwei Wassergruben ausgehoben und mit Plastikplanen ausgelegt, anfangen wollten, Beton zu gießen, kam morgens kein Wasser um die Wassergruben zu füllen. Kein gutes Omen. Das Bewässerungswasser kommt aus einer entfernten Quelle, wie ich mittlerweile erfahren habe, in einem kleinen Bach ins Dorf, wird dort in ein Kanalsystem geleitet und kann dann an fast jeden erdenklichen Ort geleitet werden (abgesehen von denjenigen Feldern, die zu weit oben liegen, und nur vom Regen leben). In einem Zehn-Tages-Rhythmus, hat jeder, der Wasser braucht ein bestimmtes Zeitkontingent. Während dieser Zeit ist er der “Wasserbesitzer”, und darf es den Ort seiner Wahl leiten. Alle 240 Stunden sind lückenlos vergeben, und auch wenn man oft nicht weiß, ob Freitag ist, weiß doch jeder ganz genau, dass jetzt gerade Wakil Ahmad “Wasserbesitzer” ist, und zwar noch so und so viel Stunden, und dann der und der, usw. Teilkontingente werden dann noch wild hin und hergetauscht, aber es existiert kein einziges geschriebenes Wort darüber, keine geschriebene Regel, keine Zeittafeln. Alles funktioniert selbstverständlich. Jedenfalls wurden zu Zeiten der Kontingentverteilung meine beiden Wasserlöcher natürlich nicht berücksichtigt, sie brauchen etwa eine Stunde um aufgefüllt zu werden. Immer wenn wir Wasser brauchen, nehmen wir dem jeweiligen Wasserbesitzer, mit selbstverständlicher Einwilligung, einfach eine Stunde ab, da es sich ja schließlich um die Schule handelt. Das funktioniert bisher, und ist auch heute nicht das Problem. Das Wasser muss, um zur Schule zu gelangen, eine Straße unterqueren, die gerade neu gemacht wird, so auch der kleine Wassertunnel. Während der gemacht wird, kann natürlich kein Wasser hindurchfließen. Gestern haben die Straßenarbeiter kräftig gebuddelt, um Beton zu gießen, aber tauchen morgens nicht wieder auf, weshalb ich veranlasse das Loch zu fluten, dass wir Wasser bekommen. Ihre Arbeit ist zwar dadurch wenigstens beeinträchtigt, aber bis heute, gut zwei Wochen nach der Tat, kam noch niemand um mich in Arrest zu überführen.
Nach einer Stunde bangem Warten, floß das Wasser in Wasserlöcher, und bald darauf der Beton in die Gruben. Drei Tage gossen wir fast ausschließlich; Fundament und Sockel. Im Außensockel liegen – außen sichtbar – Bruchsteine; zwar schön anzusehen, aber auch eine Heidenarbeit: zwei volle Tage. Am zweiten dieser beiden Tage bin ich wieder in der Stadt, um endlich gebrannte Lehmziegel und Kleinigkeiten zu besorgen. Ich gönne mir zwei Nächte in der Stadt, und hatte deshalb vor der Abfahrt einen Ruhetag angeordnet. Leider schlägt die Reisediarrhoe mal wieder zu, und bereitet mir einige Schwierigkeiten, mich durch die Stadt zu schleppen. Noch am Ruhetag kehre ich wieder zurück, um weiter vorzubereiten. Am nächsten Tag werden Kleinigkeiten erledigt, und ich mache mich auf den Weg, die Schweißer zu besuchen, und sie herzlich einzuladen, mit der Arbeit zu beginnen. Abends wird aus der starken Diarrhoe ein blutige. Da mich das beunruhigt, mache ich mich morgens um halb fünf erneut auf den Weg in die Stadt. Nach ersten unfreiwilligen Kontakten mit dem hiesigen Quellwasser hatte ich keine Probleme gehabt, und dachte, dass es dann auch in Zukunft keine geben wird. Also habe ich, bequem und leichtsinnig wie ich bin, angefangen dieses Wasser ganz normal zu trinken. Drei Wochen lang etwa drei Liter am Tag. Dass die Menge allerdings den Ausschlag gibt, hatte ich mir nicht bewusst gemacht, und gehe davon aus, mir Amöben eingefangen zu haben. Da das ja etwas Ernsthafteres sein soll, versuche ich einen ausländischen Arzt aufzutreiben, vormittags ohne Erfolg, nachmittags finde ich mich dann beim Militärarzt im PRT wieder. Der kann zwar Amöben nicht ausschließen, denkt aber vielmehr an Cholera. Nach einer hektischen Fahrt liege ich also mit Choleraverdacht im Feldlazarett und versuche einem Militärarzt beizubringen, dass ich etwa sechzig Liter unabgekochtes Wasser getrunken habe. Der hat Mühe sich das Lachen zu verkneifen, schickt mich aber zum Glück nach einer kurzen Untersuchung mit Tabletten und vielen Tipps wieder nachhause. Die sechs Tabletten, ich will nicht wissen was für Hämmer das waren, zeigten Wirkung, und seither koche ich also mein Wasser doch lieber ab.
Zurück auf der Baustelle, empfingen mich die Schweißer. In sieben Tagen haben wir das ganze Skelett fertig gemacht. Es erscheint mir sehr robust, wir haben Unmengen von Stahl verschweißt und auch zwei stabilisierende Kreuze hinzugefügt. Nebenher wurden etwa zweitausend Zementblöcke hergestellt, mit denen wir die Innenwände machen werden, weil sie einfach billiger sind, und dort klimatisch auch nicht so störend. Diese Produktion mussten wir jetzt aber unterbrechen, weil wir die übrigen acht Tonnen Zement erstmal fürs Mauern aufheben sollten, um nicht in Zementnot zu geraten. Ich weiß nicht genau was passiert ist, aber wohl ein technischer Defekt in der Zementfabrik in Mashad, im Iran. Jedenfalls kommt zur Zeit kaum Zement nach Herat, dementsprechend steigen die Preise, und ich würde gerne noch etwas warten, bis ich Nachschub kaufe. Während Fertigstellung des Skeletts haben wir mit dem Dach begonnen. In etwa 1-Meter-Abständen verlaufen über die gesamte Fläche T- oder besser H-Träger, in welche Ziegelsteine eingehängt werden, zusammengehalten durch eine Mischung aus toniger Erde und Gips. Entgegen meiner Erwartung ist es sehr stabil. Von oben wird das ganze mit Gipswasser begossen, und anschließend mit estrich-ähnlichem Beton abgeschlossen. Das ist, was uns derzeit beschäftigt, danach werden wir mit den Mauern anfangen.
Mit meinen Arbeitern komme ich sehr gut aus, trotzdem ist es nicht alles einfach. Da die Ernte abgeschlossen ist, gibt es im Dorf jetzt mehr Arbeitswillige als Arbeitsplätze. Eines Tages herrschte Unmut, dass zwei Arbeiter aus dem Nachbardorf kommen (sie hatten mich im anfanglichen Arbeitermangel gerettet). Es gab Auseinandersetzungen, und ich erfuhr, dass mir manche deshalb gerne das Wasser abschneiden würden (indem der jeweilige Wasserbesitzer sich also weigert, eine Stunde abzugeben). Das alles ließ sich natürlich klären. Nun ist es nur so, dass ich die Arbeiter häufig auswechseln sollte, damit alle mal in den Genuss kommen, mit zu arbeiten. Das bedeutet, da ich lieber mit wenigen Arbeitern etwas konzentrierter arbeite, dass ich mich von Arbeitern trennen muss, mit denen ich sehr zufrieden bin; zugunsten von anderen, die ich garnicht kenne. Aber so ist das halt, und so gehört es sich.
Die Atmosphäre ist noch immer gut und arbeitsam. Ein paarmal schien es mir allerdings nötig, Arbeiter für ein paar Tage zu suspendieren, weil ich ihnen anders nicht glaubhaft versichern konnte, wie wichtig mir ihr Erscheinen ist, wenn wir es so besprochen hatten. Das hat sich allerdings noch immer nicht ganz herumgesprochen, ist aber wohl auch einfach nicht üblich. Wer nicht kommt, kommt halt nicht, fertig. Von meinen schlauen Plänen, wann ich wofür wieviele Arbeiter brauche, halten sie nicht viel.
Unterhalb der Schule liegt die Trinkwasserquelle in einem kleinen Tälchen, dort waschen sich die Gläubigeren der Gläubigen vor ihren Gebeten. So auch der Dorfmullah. Kurz vor Sonnenuntergang beglückt er uns fast täglich mit einem kurzen Umweg zur Schule und einem Schwätzchen. Diebische Freude bereitet es ihm, wenn ich einen Ausdruck nicht kenne, den er dann mit leuchtenden Augen in meinem kleinen Taschenlexikon nachschlägt. Er ist auch der Sohn des früheren Mullahs, und kam in den Genuss von Grundbildung. |
| 6-. 2005 | Am 22.6. geht es also los, das ist hier der 1.4. und somit Sommeranfang. Das Aufladen der ersten Fuhre (fast aller Stahl) zieht sich hin, da er auch noch nicht ganz fertig geschnitten ist. Zweieinhalb Stunden später machen wir uns auf den Weg. Es ist heiß. Zwar weht ein Wind, aber auf der Fahrt müssen wir das Fenster gegen den Wind schließen, weil er noch heißer ist; er brennt auf der Haut. Ich habe vergessen, eine Zufahrt zum Schulgelände herrichten zu lassen, aber es findet sich ein Weg. Auch die beiden Reifenpannen stellen kein unlösbares Problem dar. Sogar der Wächter kommt von allein, obwohl ich Tage später als angekündigt komme. Wie geschmiert also.
Den Stahl kann man mittlerweile nicht mehr anfassen, so heiß ist er in der Sonne geworden. Glücklicherweise habe ich mir ohne es zu merken einen kleinen Kipplader ausgesucht, der einfach alles ausschüttet.
Im Schatten der Bäume gibt es Mittagessen bevor wir zurück zur Stadt fahren. Auf dem Rückweg ordne ich noch einen Umweg zum Ziegelofen an, obwohl es schon spät geworden ist. Auch dieser Umweg zieht sich länger hin als erwartet, hinzu kommt, dass wir niemanden finden können und erfolglos den Abstecher abbrechen. Zurück in der Stadt richte ich die zweite Fuhre her, der Fahrer die beiden kaputten Reifen. Er braucht eine Stunde länger als angekündigt, aber taucht noch rechtzeitig auf. Um sieben kommen wir zum zweiten mal in Qala-e-Sefid an, mit dem restlichen Stahl und allerlei Baugerät, dass man nicht einfach ausschütten kann. Wir beeilen uns, den Platz fürs Zelt herzurichten, werden aber vor Einbruch der Dunkelheit nicht fertig und machen es uns im vollkommenen Chaos auf dem ausgebreiteten Zelt gemütlich. Der Wächter holt Reis mit Kartoffeln und viel trockenes Brot. Ein riesiger Vollmond klettert im Osten über die Berge und schwächt die Leuchtkraft der Milchstraße etwas ab. Bald schlafen wir.
Um Fünf geht es weiter. Aufräumen, Zelt aufbauen, zwischendurch trockenes Brot mit Tee. Um Acht kommen die zwei Spezialisten mit denen ich arbeiten werde. Namentlich sind sie Maurer, haben aber in Jahren im Iran umfassende Baukenntnisse erworben und leben jetzt wieder im Nachbardorf. Wir messen zu dritt das Gelände aus, und versuchen die Eckpunkte für das Gebäude festzulegen. Da wir dann doch alle nicht so viel Erfahrung haben, geraten wir in ein Annäherungsverfahren hinein, das uns viel Zeit kostet. Auch gibt es natürlich noch eine gewisse Sprachhürde; keine Barriere mehr, aber auch noch kein Hürdchen. Außerdem herrscht eine Hitze, die mich fast von den Beinen holt.
Am Mittag dann schließlich sind die Eckpunkte genügend angenähert, und die Bahnen fürs Fundament professionell mit Asche markiert. Der Wächter hat sich zwischenzeitlich daran gemacht, ein Wasserloch auszuheben, schwingt eifrig die Hacke.
Die Spezialisten schicke ich nachhause, denn jetzt muss ausgegraben werden, und für diese Arbeit sind sie einfach zu teuer. Sie bekommen 400 Afghani am Tag, etwa 8 Dollar, für die Arbeiter hatte ich 110 Afghani eingeplant und angekündigt. Wie beschrieben wurde mir gedroht, es ließen sich für dieses Geld keine Arbeiter finden. Und tatsächlich – das hätte ich nun wirklich nicht erwartet – stehe ich nachmittags alleine über dem zukünftigen Fundament und bearbeite den steinigen Boden. Alle im Dorf sind mit der Getreideernte beschäftigt. Noch kann ich schwer einschätzen, ob sie sich mit mehr Geld locken ließen, oder ob sie gerade einfach zu beschäftigt sind. Es handelt sich hier ja um ein Dorf voller moderner Leibeigener, die nicht “einen Zehnten”, wie es bei uns im Mittelalter meiner Meinung nach üblich war, sondern etwa vier Zehntel an den Grundbesitzer abgeben müssen; der übrigens in der Stadt lebt, Doktor ist, und sowohl eine private Praxis betreibt als auch für eine ausländische Organisation arbeitet – die lukrativsten Jobs vor Ort. Abends habe ich fast nichts geschafft, 15 vornehmlich offene Blasen, einen schmerzenden Rücken und ehrlich gesagt keine Lust mehr. Die Arbeiter hatten im Vorfeld 150 Afghani gefordert, und da ich mit meiner Argumentation, die Schule sei ja schließlich für sie, und sie könnten ruhig für etwas weniger Geld arbeiten, nicht weiter komme, gehe ich auf 130 Afghani hoch (trotz meiner Furcht, dass ich mich dadurch erpressbar mache). Aber auf dem abendlichen Streifzug durchs Dorf lässt sich wieder niemand finden; als Maurer würden sie ja schon arbeiten. Verständlich, da winkt schließlich mehr Geld. Etwas frustriert schicke ich den Wächter in ein Nachbardorf. Auch dort niemand.
Der nächtliche Wind hat die Asche fortgetragen, und auch tagsüber weht jetzt ein kräftiger Wind, der kühlt und zermürbt. Die gespannten Fäden wiegen sich elegant im Wind, was mir einige Mühe bereitet, die Fundamentbahnen wieder ausfindig zu machen. Erneut allein, binde ich mir Stoffstreifen um die Hände und markiere immerhin alle Bahnen durchgehend mit der Hacke. Der Wächter arbeitet tüchtig am Wasserloch, und ich muss mich schämen, wieviel Pausen ich benötige, wie oft ich die Hacke niederlege. Der Rücken tut weh. Ein bisschen fühle ich mich alleine gelassen, fange an, die Dörfler zu hassen. Mittags kommt Besuch aus dem Dorf, wir besprechen die Situation. Ich trage meine Sorgen vor, sie ihre. Ich erkläre Ihnen meine Furcht vor der Lohnerhöhung, und sie versprechen mir, dass 150 Afghani nicht überschritten würden. Verzweifelt wie ich bin, gehe ich also auf 150 hoch. Bis zum Abend sind, welch Wunder, drei Arbeiter ausfindig gemacht. Nachts lassen wir das fertige Wasserloch volllaufen. Ihr Wassersystem grenzt an Magie, wahrscheinlich funktioniert es deshalb. Ich werde jedenfalls nie durchschauen, wo das Wasser herkommt. Unterhalb der Schule gibt es zwar eine Quelle, aber von der kann es ja nicht nach oben fließen. Morgens ist alles Wasser versickert, und zwei Arbeiter erscheinen tatsächlich. Nicht um Acht wie bestellt, sondern um halb sieben zum gemeinsamen Frühstück. Sie haben trockenes Brot dabei, ich stelle den Tee. Um Acht kommt wie bestellt einer der Maurer. Die beiden Arbeiter fangen in beeindruckender Manier an das Fundament auszuheben, ich beginne mit dem Maurer, die Eisenkabel für das Stahlbetonfundament her zu richten. Spätvormittags mache ich mich auf den Weg in das zehn Kilometer entfernte Zentrum des Bezirks. Dort gibt es ein paar Läden und Schweißer. Ich brauche Plastikplanen für das Wasserloch, und lasse mir ein kleines Werkzeug schweißen um die Eisenkabel zu biegen (das aus der Stadt gebrachte ist auf dem Weg auseinandergerüttelt worden). Als ich zurückkomme erwarten mich fünf Tonnen Zement, die ich in der Stadt gekauft habe (und die auch tatsächlich gekommen sind!). Jetzt wo die Arbeiter mal da sind, arbeiten sie sehr engagiert, und auch der Wächter lässt sich nicht zweimal auffordern von Sonnenaufgang bis -Untergang zu arbeiten. Es ist irgendwie rührend geworden, der Hass verflogen. Wenn ich schwere Arbeit angehe, eilen sie mir zuhilfe, zwingen mich, die Arbeit niederzulegen. Mit meinen Blasen soll ich nicht so viel machen. Sie stellen fest, dass die Deutschen mehr arbeiten als sie selbst, auch mit Blasen an den Händen weitermachen. Jetzt bin ich also als Bauchef anerkannt, kann mit meinen wichtigen Plänen in der Hand Anweisungen geben, die mit vorangehendem “gerne!” auch sofort ausgeführt werden.
Ich koche den Tee, schaffe kühles Quellwasser den Berg hinauf und verlege mich aufs Vorbereiten.
Am nächsten Tag sind es schon vier Arbeiter, zwei von ihnen kommen gegen sechs wieder zum Frühstück. Um sieben stürzen sie sich unaufgefordert auf die Arbeit. Eigentlich ist ja um Acht Arbeitsbeginn, aber sie sind mit den zwei Stunden Mittagspause und den zwei zusätzlichen Teepausen so zufrieden, dass sie gerne etwas früher anfangen, und die morgendliche Kühle ausnutzen.
Die Arbeit schreitet voran, die Eisenvorbereitungen fürs Fundament neigen sich dem Ende zu, und die Atmosphäre ist sehr entspannt. Sie genießen es, von mir zur Arbeit angetrieben zu werden. Es ist insgesamt sehr lustig geworden, aber trotzdem sehr arbeitsam, da sie diese ständige Arbeit einfach so gewohnt sind.
Heute morgen habe ich mich auf den Weg in die Stadt gemacht um Kleinigkeiten zu besorgen (daher auch der Bericht).
Dass es heute gut voranging und wir morgen mit dem Beton anfangen können, kann ich nur hoffen. Ähnlich wie beim Handeln werden auch bei Arbeitsverhältnissen normalerweise einmal die Grenzen ausgetestet (was bisher noch aussteht). Entsprechend meiner Erfahrung müsste ich dann mal kurz und deutlich wütend werden. Da wird dann normalerweise niemand eingeschnappt sein, sondern sich umso ernster genommen fühlen, denn wie kann man hier jemanden Ernst nehmen, der sich einen Tag lang ausruht obwohl er fürs Arbeiten bezahlt wird. Außerdem wissen sie, dass ich sie nicht ausbeute. Würden sie mich jedoch im Gegenzug so in der Hand haben, dass sie tun und lassen könnten, was sie wollten, ergäbe das ein verzerrtes Verhältnis, was letztendlich wiederum zu einer unguten Atmosphäre führen müsste. Ähnlich dem Handeln, könnte so kein herzliche, sondern nur eine künstliche Atmosphäre entstehen, in der sich keiner wohl fühlt.
Ich möchte aber auch nicht ausschließen, dass dies alles garnicht nötig ist (wenn es mich zugegebenermaßen auch wundern würde).
Nun fühle ich mich genötigt, zu versichern, dass ich hier nicht zum Menschenfeind geworden bin, oder gar davon ausgehe, dass Menschen nur unter Druck oder Angst zu arbeiten vermögen. Das oben Beschriebene gibt schlicht meine Erfahrungen wieder, die ich hier bisher gesammelt habe.
Ich habe mich zwar noch nicht komplett an das afghanische Dorfleben gewöhnt, aber einiges lässt sich schon festhalten. Es ist eigentlich nicht nötig das anzumerken, aber mit dem Leben in der Stadt hat man hier überhaupt nichts am Hut. Alles dreht sich um Arbeit. Alles ist sehr einfach. Vereinzelt gibt es Radios, ansonsten werden Schwätzchen gehalten (dafür bietet sich jetzt natürlich auch die Baustelle an, so Einige kommen auf einen Tee vorbei, geben Ratschläge). Das Essen beziehe ich aus der Familie des Wächters: morgens selbstgemachtes, trockenes, dunkles Vollkornfladenbrot mit Tee, mittags mit reichlich Wasser verdünnten Ziegenjoghurt mit ebenfalls viel Brot, abends bisher Reis mit Kartoffelstückchen, Kartoffelsuppe oder eine Schüssel mit Brotstücken aufgeweicht in Wasser, Fett und getrockneten Ziegenjoghurtbällen, die sich im Fettwasser wieder auflösen (wie diese Bälle genau hergestellt werden, weiß ich nicht, aber dieser Umweg ermöglicht eine Konzentration des Ziegenjoghurtgeschmacks). Stets wird vor allem Brot gegessen, der Rest verkommt etwas zur Garnitur. Das gestreckte Ziegenjoghurt habe ich anfangs kaum hinunterbekommen, mittlerweile liebe und genieße ich es. In der mittaglichen Hitze ist es ja schließlich auch lebensrettend. |
| 6-. 2005 | Nun sind also wieder mehr als drei Wochen rum, und wer gedacht hat ich melde mich nicht, weil ich angefangen habe, der irrt. Ich versuche garnicht erst es zu erklären, sondern werde es beim Beschreiben belassen.
Insgesamt kann man sagen, bin ich dennoch ganz schön ins Rotieren gekommen. Zwar dachte ich, dieser Prozess sei weitgehend abgeschlossen, aber mit jeder bautechnischen Einzelheit, die ich erfahren habe, taten sich weitere Fragen auf. Manche der Ingenieure, die ich hinzuzog, haben denn auch die Fähigkeit mehr Verwirrung zu stiften als Fragen zu beantworten, oder tun sich schwer, Pläne außerhalb der Norm zu beurteilen. Außerdem hatten sie natürlich nicht durchgängig Zeit für mich. Das Internet liefert hier auch weniger gute Ratschläge als etliche DIN-Normen. Vom Bereiten und Verarbeiten des Betons in DIN 1045 bis hin zu DIN 4235 “Verdichten von Beton durch Rütteln” habe ich festgestellt gibt es umfangreiche Reglementierungen (zum Verdichten [von Beton] sollte nur eingewiesenes und zuverlässiges Personal eingesetzt werden, das in jedem Fall zusätzlich durch eine qualifizierte Aufsicht ständig betreut und überwacht werden muss).
Außerdem wollten Baupläne gezeichnet, verworfen und wieder neugezeichnet werden bis man sie zu dann Akten legt und etwas ganz neues erfährt. Erstaunt hat es mich nicht, dass mein Plan die letzte Statik-Überprüfung nicht bestanden hat, viel erstaunlicher ist, dass das fast hundertprozentig vom prüfenden Ingenieur abhängt, ob etwas klappen wird, oder nicht (und nicht etwa von den bautechnischen Details). Mittlerweile habe ich das Gefühl, frage ich zwei Ingenieure bekomme ich nicht nur zwei, sondern drei Antworten. Das ist mitunter etwas deprimierend, ist es doch so ziemlich der letzte verbliebende Punkt, bei dem ich komplett von den Einschätzungen Anderer abhänge. Einiges kann man sich zwar zusammenreimen, aber einschätzen kann ich einfach wirklich nicht, ob Stahlbeton zu reißen beliebt, wenn die Bewehrungseisen durchgehend nur alle 70cm verbunden werden…
Was das Schwierigste ist, alles muss ziemlich genau durchgeplant sein, da sich dort auf die Schnelle nichts organisieren lässt, wenn erstmal angefangen wurde, und etwas fehlt. Die Baustelle musste ausgerüstet werden mit dem Nötigsten und Billigstem, was etliche Preisvergleiche und Nötigkeitsabwägungen mit sich bringt. Baumaterialien und -Ausrüstung gibt es nicht im Baumarkt, sondern in den verschiedensten kleinen Läden mit ungeheuren Preisschwankungen. Es gibt Läden, die ziemlich viel auf einmal anbieten, was praktisch ist. Aber ein Projektziel ist es ja schließlich auch, die grundständige, einheimische Wirtschaft zu unterstützen, und nicht die sowieso Reichen, die die großen, praktischen Läden betreiben.
Der Zeitplan sehnte sich ständig konkretisiert zu werden. Die “Spediteure” wollen wissen, wann sie liefern sollen, die Verkäufer, wann ich endlich kaufe. Berge von Zetteln zu allen diesen verschiedenen Baustellen schrien danach sortiert, überarbeitet und verstanden zu werden. Glücklicherweise bin ich noch nicht komplett afghanisiert, und die 20-Stunden-Tage, die sich hin und wieder aufdrängen machen mir noch immer Spaß. Die Sonne steht übrigens mittags sehr hoch und hat schon einiges zu bieten. Die Kilometer, die ich täglich abspule, lege ich in den hier angemessenen, also langärmligen und langbeinigen Kleidern zurück; glücklicherweise ist es trocken und windig. In den Nachrichten verkünden sie in den letzten Tagen Temperaturen von 45 bis 48 Grad.
Der Gang zur Schulbehörde ist getan, man hatte mir nicht viel zu sagen. Meine Sparpläne wurden liebevoll durchgewunken, dank der erstaunlichen Tatsache, dass mich dort einige Mitarbeiter kannten, und beinahe mehr über mich und meine Geschichte wussten als ich selbst (sie waren beim Besuch in meinem zweiten Dorf anwesend, den ich in der Mitte des Berichts vom 1.1.2005 beschrieben habe, hatten kein einziges Wort vergessen und referierten meine Geschichte von ihrer allerbesten Seite wie in den wärmsten Tönen. Außerdem weiß ich nun endlich warum damals soviele Menschen auf mich gewartet hatten: Das hatte der Direktor der Schulbehörde in Herat eingeleitet, um mich zu beeindrucken und für Karuch zu begeistern.)
Nach einigem Hin und Her halte ich mittlerweile sogar einen Wisch in Händen, der bescheinigt, dass das Grundstück der Schulbehörde übereignet wird, zum Zwecke eines Schulbaus. Wer nun eigentlich Eigentümer war, wenn es denn einen gab, habe ich aber immer noch nicht verstanden.
Nach der Absegnung hatte ich begonnen, die Baustelle auch wirklich auszurüsten und nicht nur darüber nachzudenken. Dieser Prozess war sogar relativ zügig, nach bestem Wissen zumindest, abgeschlossen. Aufgaben waren verteilt, Spezialisten gefunden, Kleinigkeiten gezimmert, fehlten nur noch die Arbeiter. Die werden sich zwar, so wurde mir angekündigt, für den in Aussicht gestellten Tageslohn nicht finden lassen (was ich bisher für eine leere Drohung halte, um den Lohn zu erhöhen, wäre natürlich eine größere Katastrophe), aber dann kamen schonen wieder technische Unsicherheiten ins Spiel, die eine erneute Verzögerung von einigen Tagen mit sich brachte. Der Zeitplan hat zwischenzeitlich allerdings konkretere Züge angenommen. Ich rechne morgen mit meinem Umzug und übermorgen mit dem ersten Schaufelstich (Spaten habe ich nicht gefunden). Die Mehrzahl der befragten Ingenieure zeigt sich zufrieden, aller Stahl ist gekauft, der Zementlieferant scheint bereitwillig liefern zu wollen, nur die Ziegel sind noch etwas unsicher und die eilen ja nicht. Wenn mir aber morgen nicht der Himmel auf den Kopf fällt, kann es losgehen.
In zwei Fuhren wird der Stahl und die ganze Ausrüstung hingefahren, und unterwegs sogar vielleicht noch das Ziegelproblem gelöst. Je länger ich dann nicht nach Herat zurück muss, umso besser habe ich geplant und umso zügiger wird es hoffentlich vorangehen.
Traurige Geschichte am Rande: Da der Euro hier nicht viel zählt, muss ich alles in Afghani oder US-Dollar tauschen. Träge wie ich bin, habe ich das Euro-Hoch gegenüber dem Dollar im Winter total verschlafen: anstatt beherzt umzutauschen hab ich gehortet, kann jetzt stolz auf einen rechnerischen Verlust von rund $ 2.400 zurückschauen und wahrlich sieht es nicht danach aus, als ob sich daran in absehbarer Zeit nochmal etwas ändern wollte. Das ist umso frustrierender, als ich mich total an das zeitlose Feilschen um Minimalbeträge gewöhnt habe. So habe ich mich beispielsweise kürzlich mit einem Taxifahrer fast geprügelt, Streitwert: 5 Afghani (was etwa 8,2 Euro-Cent entspricht), anschließend war ich den ganzen Tag mies drauf, weil ich mal wieder nachgegeben hatte. Dass es schnell bis zur Handgreiflichkeit geht, gehört irgendwie dazu, aber dass mir 5 Afghani schon dermaßen den Tag verderben können, hätte ich auch nicht erwartet.
In einem anderen Fall ging es um Aluminiumstangen, die ich sonst nirgendwo finden konnte. Der Preis schien mir aber hoch, und so habe ich drei Stunden aufgewendet um einen Nachlass von fast einem ganzen Euro (12 € auf 11 €) zu erreichen. Später erfahre ich, dass ich mich immerhin unter den Einkaufspreis gekämpft habe. Diese kleinen Triumphe wirken aus der Ferne wahrscheinlich ein wenig lächerlich, aber hier geht es weniger um den Betrag, als um die Ehre. Und auch mit Ehre ist das Phänomen natürlich noch nicht vollständig beschrieben, das wäre leidlich. Die ersten drei Stunden Preiskampf mögen mitunter mühsam sein und man beginnt sich gegenseitig zu hassen, aber beim nächsten Mal kann man den dann in zwei Sätzen abhaken, da die Spielregeln feststehen. Außerdem wird man auf diese Weise als gleichwertig angesehen, was Voraussetzung für ein herzliches Verhältnis ist; das Verhältnis vom Abzocker zum Abgezockten kann höchstens ein Künstliches sein. So habe ich also im Laufe der Zeit zu einigen Ladenbesitzern ein sehr herzliches Verhältnis aufgebaut. Was nicht ausschließt, dass man hin und wieder mal trotzdem in die Preisfalle tappt, denn allzu viel Gutgläubigkeit riechen sie wie Hunde. Es ist wie ein großes Spiel, das mir mittlerweile unheimlich Spaß macht, da es sehr facettenreich ist und viel mit Emotionen gespielt wird. |
| 5-. 2005 | Weitere Dörfer habe ich bisher doch nicht mehr besucht, stattdessen stand mal wieder etwas anderes zur Debatte: eine Zusammenarbeit mit einer Organisation, die in einigen Bezirken eine Art Berufsschule errichten, oder alte Gebäude renovieren wird. Da ihnen ebenfalls etwa 15 T € für jedes dieser Gebäude zur Verfügung steht, hatten wir überlegt, ob wir nicht zusammenlegen können, etwas größeres bauen, was dann in einer Schicht als Schule und in einer anderen Schicht als Berufsschule genutzt würde. Nun ist das von seiten der Organisation aber in ein umfangreicheres Programm eingebettet, und der Zeitplan noch ziemlich unklar. Aber warten möchte ich ja nun wirklich nicht mehr unnötig, zumal wenn ich stark von anderen abhängig bin.
Also doch wieder zurück zur alten Neuplanung. Am 13.02. hatte ich mal kurz umrissen, dass ich vom ursprünglichen Plan auch in der Bauweise abgerückt bin. Nicht ein einfaches Lehmhaus soll es werden, wie die Dörfler es sich selbst bauen, sondern ein etwas robusteres, das nicht so viel Pflege benötigt. D.h. es sollten nicht getrocknete Lehmziegel sondern gebrannte, für die Statik zusätzlich z.B. Stahlbeton verwendet werden, was das Gebäude gleichzeitig gegen die sogenannten horizontalen Kräfte besser schützt (Wind, Erdbeben…). Ein solcher Bau bedarf natürlich mehr bautechnischer Planung, zumal die Arbeiter aus den Dörfern mit diesen Dingen nicht oder kaum Erfahrung haben. Dafür stehe ich nun in Kontakt mit Ingenieuren und habe auch ein paar Mal in der Stadt auf einer Baustelle einfach mal hospitiert (selbst bin ich ja bisher auch herzlich wenig bewandert in diesen Sachen). Mittlerweile habe ich aber die wichtigsten Informationen beisammen, die unterschiedlichsten Ratschläge zusammengewürfelt, Beurteilungen ausgewertet und ausreichend Überblick auf was es ankommt und wie das Ganze funktionieren kann.
Zu einem ordentlichen Schulprojekt gehört es, dass man mit seinem Plan zur Schulbehörde geht und ihn dort absegnen lässt. Dies erleichtert manches während der Arbeit und auch die Anerkennung als staatliche Schule danach (was wiederum Voraussetzung dafür ist, dass die Schulbehörde Gehälter zahlt und sich insgesamt verantwortlich wenigstens fühlt). Um den Stempel zu bekommen muss natürlich auch ein Grundstück vorhanden sein, das der Schulbehörde gehört oder vermacht wird. Das ist mal wieder eines der Probleme, über die ich mir zu wenige Gedanken gemacht hatte. Da es Grundstücke für diese Zwecke gibt, hatte ich mich auch darauf verlassen, dass man wisse, um welche Grundstücke es sich handelt. Das Problem aber ist, dass die Eigentumsverhältnisse unklarer sind, als ich erwartete; die gilt es nun zu klären. Das Grundstück, welches ich mir ausgeguckt hatte, fällt definitiv aus, stattdessen steht nun ein anderes zur Debatte, nicht weniger gut. Ich hoffe die Urkunde bald in Händen zu halten, mit der ich mich dann zur Bezirksschulbehörde in Karuch mache. Ein solcher Behördengang birgt natürlich seinerseits weitere Unabwägbarkeiten, wenn nicht gar Risiken. Jede Zeitangabe verbietet sich also von vorne herein.
Mein persönlicher, stets zu optimistischer Zeitplan allerdings sieht vor, dass innerhalb der nächsten zwei Wochen mit der Arbeit begonnen werden kann. Ich würde dann allergrößtenteils dort leben, nur noch über Satellitentelefon zu erreichen sein, und kann für die regelmäßige Berichterstattung in dieser Zeit überhaupt nichts versprechen.
Übrigens habe ich in der Zwischenzeit wenn nicht eine Schura, so zumindest einen Dorfvorsteher aufgespürt. Der ist nachdem er gewählt wurde allerdings in die Stadt gezogen, was er mir gegenüber -- vielleicht aber auch nur mir zuliebe -- mit der Schulsituation begründet. Mit ihm war ich von gestern auf heute dort, da er sich mit den Grundstücken am besten auskennt. Er möchte mir außerdem bei der Arbeit behilflich sein, und wird, um sich sowohl in der Stadt als auch im Dorf ins gemachte Netz setzen zu können, eine seiner Frauen wieder zurück ins Dorf bringen.
Gestern abend haben wir uns in kleiner Gruppe bei Wasserpfeife und anderen hier üblichen Genussstoffen lange unterhalten. Da man mit der Stadt, Fernsehen und anderen Ausländern noch nichts am Hut hat, führt das zu den interessantesten Fragen über den Westen, die Lebensweise, die Religion. Von der Verteilung der Läden in den Städten über Laizismus in der Politik bis hin zum ersten Mal kam so einiges zur Sprache. Manche entwickeln dabei eine unglaubliche Distanz in der Betrachtung der eigenen Situation. Ich habe diese verantwortungsvolle Aufgabe, die ersten tieferen Einblicke in das okzidentale Leben zu vermitteln, so gewissenhaft als möglich zu bewältigen versucht. Deshalb war ich auch nicht traurig, dass sie trotz aller Bewunderung die sie der Fortschrittlichkeit beimessen, schlussendlich feststellten, dass wir wohl auch nicht das beste Leben führten. Das einzige Thema, was sie beim Frühstück nochmal aufgriffen, war die Behandlung der Gäste: ob es wirklich üblich sei, dass man anruft, bevor man jemanden besucht. |
| 5-. 2005 | Der Emailverkehr mit dem Konsulat war inzwischen wieder ein wenig ins Rollen gekommen, ohne allerdings seine Schwammigkeit zu verlieren. Zu gerne würde ich hier daraus zitieren, aber ich denke, das gebührt sich nicht. Aus zwei Halbsätzen konnte ich mit gutem Willen herauslesen, dass wohl tatsächlich etwas geplant ist. Mehr nicht. Obwohl ich wieder und wieder meine Frage klar formuliert und sogar begründet hatte. Nun stehe ich also vor der unleidigen Aufgabe, dem Dorf die Entscheidung mitzuteilen, ohne ihnen etwas konkretes von den anderen Plänen sagen zu können.
Das Karucher Dorf habe ich erneut besucht, und die Planungen mal soweit vorangetrieben, dass ich zumindest mal wieder das Gefühl habe, anfangen zu können. Die Verhältnisse der Bewohner, die geringere Einwohnerzahl und die unglaubliche Tatsache, dass es keine Schura, also kein Gremium gibt, mit dem man in Verhandlungen treten kann, und das seinerseits Projektteile umsetzen könnte, würden zu einem ganz normalen Projekt führen, bei dem die Arbeiter bezahlt werden, und alle Verantwortung bei mir liegt. Das hat seine Vor- und Nachteile.
Im Laufe der frischbegonnen Woche werde ich noch ein, zwei weitere Dörfer besuchen. Ich denke, das wird dann erstmal das letzte sein, aber festlegen möchte ich mich nicht mehr. Eines befindet sich in einem bevölkerungsreichen Bezirk, in welchem den Listen des Schulministeriums zufolge noch die meisten Schulen benötigt werden. Gleichzeitig werden dort vergleichsweise wenige Projekte durchgeführt.
Die Lage in Herat hatte sich übrigens vor zwei Wochen zügig wieder entspannt. Im Ostsüdosten hat es dagegen vor einigen Tagen angefangen zu brodeln, dann war kurz unklar, ob und in welchem Umfang sich diese Stimmung ausbreiten würde, aber wieder mal blieb es ruhig.
Eine traurige Abschlussanekdote: ein ganz einsichtiger junger Mann, stellt während eines Gesprächs über Religionen und die “Verschleierung” der Frauen fest und zur Debatte, dass es gerechter wäre, würden auch die Männer sich mehr bedecken. Denn schließlich würden Frauen sich von einem schönen Mann ebenso angezogen fühlen; da lauerten also genauso viele und mindestens so unterbindenswerte Gefahren. |
| 4-. 2005 | Den 23.4. hatte ich als Stichtag für den Spatenstich genannt und auch angepeilt. Es war mir ja durchaus bewusst, dass das nicht exakt eintreffen muss, dass ich allerdings an diesem Tag ein ganz anderes Dorf besucht habe um mir dort einen Überblick über die Schulsituation zu verschaffen, hätte ich wirklich nicht mehr für möglich gehalten.
Die technischen Fragen waren weitgehend geklärt, es ging noch um Organisatorisches, aber eigentlich nichts schwerwiegendes. So habe ich drei Tage damit verbracht, in Herat Läden abzuklappern um einen eigenen Eindruck von den Preisen und den täglichen Preisschwankungen zu erhalten.
Da hier nicht wenig gebaut wird, gibt es dementsprechend viele Läden. Hinzu kommt, dass man niemals mit der Tür ins Haus fallen sollte, d.h. erst aus dem Gespräch heraus, das den ersten Tee begleitet, kann man beiläufig fallen lassen, dass man auch etwas bestimmtes kaufen möchte. Nimmt man sich die Zeit, eine halbe Stunde über andere Sachen zu plaudern, zahlt man, allerdings nur bei ohnehin billigen Produkten, schon mal weniger als die Hälfte der Ersrpreises. Anderenfalls bekommt man auf die ungeschminkte Frage nach den Preisen auch eine ungeschminkte Antwort. Und um diesen ersten Preis dann wieder nach unten zu arbeiten, braucht man Ausdauer und vor allem Sachkenntnis. Wenn man keine exakte Vorstellung vom gewünschten Preis hat, ist es sehr schwierig, und auch über die verschiedenen Produkte sollte man genügend wissen um einen kompetenten Eindruck zu machen. Was die Arbeit etwas erleichtert, ist die Tatsache, dass gemäß dem orientalischen Bazarprinzip gleiche Produkte auch am gleichen Platz angeboten werden; zumindest weitgehend. So mache ich mir also ein eigenes Bild, kann manche Preise aus der ersten Kostenschätzung schon einmal ein bisschen unterbieten, bei anderen müsste ich derzeit mehr zahlen.
Dann aber kommt der Tag an dem ich mir klar mache, dass ich mir über die Gerüchte, die ich in den letzten Tagen gehört habe, bisher zu wenig Gedanken gemacht habe: Es gibt Anzeichen, dass ein größeres Schulprojekt in Jebrail geplant ist, wenn nicht vom Deutschen Konsulat selbst, so doch in Verbindung mit ihm.
Zwar hatte ich, nachdem ich dies das erstemal gehört hatte, den Zuständigen im Konsulat angerufen, er hatte aber keine Zeit für ein kurzes Treffen mit mir. Also schrieb ich ihm eine Email. Sollte ein großes Projekt tatsächlich geplant sein, wäre das kleine Projekt erstens mehr oder minder unnötig, und außerdem bezweifle ich, dass die Menschen am Ende genügend mithelfen würden, wenn man bei einem anderen Projekt für die Mitarbeit bezahlt wird.
Auf meine Anfrage bekam ich aber nur eine schwammige Antwort: Informationen könne man noch keine genauen geben, überlege aber, wie man diesen Menschen helfen kann. Dummerweise gab ich mich damit erstmal zufrieden, und erfahre schließlich, dass es sogar schon zu einer Bekanntgabe im Fernsehen kam. Eine weitere Anfrage, man möge mich doch bitte (natürlich nur innerhalb des möglichen Rahmens) über die Pläne unterrichten blieb bisher unbeantwortet.
Da ich meine Frage aber gerne beantwortet sähe, hake ich nochmal nach, nachdem Fischer vorm Untersuchungsausschuss ausgesagt hatte. Mit gleichbleibender Erfolglosigkeit.
Um die Wartezeit nicht gänzlich ungenutzt zu lassen, nachdem ich ja die angenehme Luft der Vollbeschäftigung schon wieder in der Nase hatte, gehe ich einem Hinweis nach, und besuche ein “Alternativdorf”. Dieses Dorf wiederum, liegt in Karuch, nordoestlich der Stadt (in der Nähe des Dorfes, welches ich in der Mitte des Berichts vom 1.1.2005 beschrieben hatte, in welchem ich so freundlich aufgenommen wurde und in welchem jetzt schon eine andere Organisation arbeitet).
In diese Orte außerhalb der Stadt operieren private Minibusse von sogenannten Terminals aus, das sind Hinterhöfe oder Parkplätze in der Stadt die gut organisiert sind. Allerdings gibt es ziemlich viele dieser Terminals, und von jedem wird nur eine einzige Route angefahren. Wider Erwarten benötige ich mehrere Stunden um den richtigen Terminal zu finden nachdem ich einigen Falschinformationen nachgegangen war, und so ist es für diesen Tag zu spät.
Nächstentags möchte man mich dort aber überhaupt nicht mitnehmen, weil ich in dem Dorf niemanden kenne, und auch als wir schließlich im Dorf ankommen versichert sich der Fahrer nochmal ungläubig, ob ich mir sicher sei. Ich bin mir sicher, und finde auch zügig die Dorfschule, in der nur eine gemischte erste Klasse unterrichtet wird. Den Lehrer kann ich überreden seinen Unterricht fortzusetzen, und zwänge mich in den kleinen, dunklen Klassenraum dazu. Die Schüler lernen Lesen, das ist auch für mich nicht schlecht. Der Lehrer selbst hat lediglich einen 15-tägigen Lehrerkurs hinter sich, aber er konnte wohl schon vorher etwas schreiben. Jedesmal wenn der Chor der Klasse eine Frage mehrheitlich richtig beantwortet, blickt er mich stolz, manchmal auch fragend an. Wenn ich nicke, geht es weiter. Um zwölf Uhr fragt er mich, ob die Schüler gehen dürfen. Mein Nicken erleichtert ihn. Den Regeln entsprechend, lädt er mich zum Mittagessen ein, das wiederum erleichtert mich. Vor und nach dem Essen frage ich ihn ein bisschen über die Schulsituation aus. Folgendermaßen verhält es sich hier: in acht Kilometern Entfernung gibt es eine größere Schule, dorthin wandern Schüler ab der vierten Klasse. Für die erste Klasse hat man im Dorf einen Raum gefunden (ca. 20 Quadratmeter für knapp 70 Schülerinnen und Schüler). Nun bräuchte man für die ersten drei Klassen Räume, und könnte damit auch drei kleine umliegende Dörfer unterstützen. Bei der Schülerzahl muss man immer bedenken, dass bei einer guten Schule, mehr Familien ihre Kinder in die Schule schicken. Ein wünschenswerter Effekt natürlich.
Die beiden Grundstücke, die für die Schule zur Verfügung stünden, zeigt er mir nach dem Tee. Das eine ist gut, das andere traumhaft. Schulen liegen hier gern etwas außerhalb. Der zweite Platz, den er mir zeigt, liegt von der einen Seite gesehen lediglich auf einer Erhöhung, von der anderen Seite gesehen aber, auf einem kleinen Höhenrand über einem schönen Tal. So ergibt sich ein traumhafter Rundblick. Und ruhig ist es hier, schon das ist eine Erfrischung.
Über konkrete Bedingungen haben wir jetzt zwar noch nicht gesprochen, aber das ließe sich ja nachholen. Einen Aspekt habe ich in Hinblick auf diese Gespräche übrigens anfangs unterschätzt: in meiner europäischen Kleidung lassen sich Forderungen leichter durchsetzen, und werde ich vielleicht auch generell mehr Ernst genommen. Heute aber war ich aus Sicherheitsgründen afghanisch gekleidet.
Für die Rückfahrt muss ich mich an die Straße stellen, und hoffen, dass ein vorbeikommender Minibus noch einen Platz frei hat. Allerdings habe ich Glück und werde von einem LKW mitgenommen. Hoch über dem Kopf des Fahrers sitzen schon zehn Andere auf der Ladung. Dort oben ist mir schon etwas mulmig zu Mute, aber als sich der Wagen nach einer Viertelstunde auf voller Fahrt merkwürdig zur Seite neigt, bleibe ich am längsten sitzen. Nachdem wir innerhalb weniger Meter zum Stehen gekommen sind und ein brennender Hinterreifen an uns vorbeigesprungen ist, hatten meine Mitreisenden das Schiff schnell verlassen. Auch ich bin schließlich schneller unten, als ich es für möglich gehalten hätte. Dem Reifen hat sich nach vierzig Metern eine Lehmmauer in den Weg gestellt, ein Mensch wäre ihm chancenlos ausgeliefert gewesen. Aus der hohlen Achse, die ist nämlich gebrochen, kocht es noch einige Minuten wütend heraus.
Nun ist es nach drei Uhr nachmittags, wir sitzen zu elft in einem kleinen Dorf und es ist kaum anzunehmen, dass wir es alle schaffen werden, noch vor Einbruch der Dunkelheit nach Herat zu kommen. Für einen alleinreisenden Ausländer wäre das sicherheitstechnisch ungünstig, deswegen finde ich schon im zweiten Kleinbus Platz, und komme wohlbehalten in Herat an.
Gestern abend dann, gerade noch während meinen ersten sechs Monaten hier, sehe ich vom Fenster zufällig eine Art Feuerwerk, begleitet von bemerkenswertem Geknatter. Meine erfahrenen Mitbewohner klären mich auf, dass es sich nicht um Feuerwerkskörper, sondern um Kalaschnikov-[Leucht]schüsse handele, und auf einen Kampf hinweist. Er spielt sich einen knappen Kilometer entfernt ab, und reist auch während der nächsten Stunde nicht ab.
Erste Erkundigungen auf der Straße ergeben, dass es zu einer Auseinandersetzung zwischen der Polizei und der Nationalarmee gekommen ist. Das Geknatter verschleppt sich bis tief in die Nacht, mitunter auch heftigere Explosionen. Handgranaten. Erst am morgen klärt sich, teilweise zumindest, wie es zu dieser seltsamen Konfrontation kommen konnte: es war wohl eher ein privates Problem, es ging offensichtlich um eine Frau. Vielleicht ein Streit zwischen zwei Einzelpersonen, der dann seinen Lauf nahm. Das Problem ist noch immer, dass bei ernsten Auseinandersetzungen Waffen im Spiel, und viele Freunde, die auch Waffen haben. Nach dem ersten Schuss fallen alle Beteiligten wieder in die alten, eintrainierten Rollen zurück, und dieser erste Schuss fällt noch immer unglaublich schnell. So auch vor etwa zwei Monaten als es beim Gouverneur zu einem Schusswechsel mit Toten kam. Ein Besucher wollte an der Pforte seine Kalaschnikov nicht abgeben, den Polizisten war nicht klar, dass er seine Waffe nicht abgeben muss, da es sich um den Sohn eines Bezirksvorstehers handelte, also um einen Freund des Gouverneurs. Wie sich aus einer solchen Situation ein Schusswechsel entwickeln konnte, ist äußerst schwer nachzuvollziehen.
Im Laufe des heutigen Tages stellte sich dann nach und nach heraus, dass es vor allem unterschiedliche Versionen des Geschehens gibt. Eine andere besagt z.B., dass ein Soldat auf einem Fest eine Frau gezielt erschoss, weil er bei ihr eine Bombe vermutete. Die aufgebrachte Menge forderte die Herausgabe des Soldaten, die Soldaten schossen in die Luft, die Polizei kam herbei und es entwickelte sich wie beschrieben. Eine andere Meldung vermischt auf ganz seltsame Weise die Geschehnisse in Herat mit einem Bericht über Zivilistentötungen im Rahmen eines US-geführten Luftangriffs in Zentralafghanistan. Bisher also wenig Klarheit.
Klar wurde heute allerdings, dass die Herater sehr unzufrieden sind. Es kam zu Demonstrationen, verschiedenen Übergriffen, und bedrängte Polizisten erschossen erneut einen Demonstranten. Die Nacht aber ist bisher ruhig.
Seit gestern sind neue Fotos online (in der Navigation links, nicht unten). In der Kategorie “Allgemeine Fotos” ein paar neue, in “Herat” vor allem neue, und Jebrail/Shahrak ist komplett neu. |
| 4-. 2005 | Zwar hatte ich wie letztes mal beschrieben die Zustaendigem im Dorf gebeten, ein kleines Gremium zu bilden, aber die Gespraeche kranken leider dennoch an einer gewissen Kontinuitaet. Einer ist Lehrer und unterrichtet nebenbei Englisch fuer junge Erwachsene, die beiden Schura-Mitglieder haben bei der (nebenberuflichen!) Verwaltung des riesigen Dorfes sowieso schon viel um die Ohren, und der Ingenieur arbeitet in der Stadt. Jedesmal wenn ich komme, sitzen andere Beobachter dabei, die natuerlich auch zu Wort kommen wollen, und oft kommt es zu ausfuehrlichen Diskussionen an denen der bedaechtige Uebersetzer lieber selbst teilnimmt als ans Uebersetzen zu denken.
Die Grundidee des Projekts ist es ja, dass mit dem Geld die Materialien bezahlt werden, und das Dorf selbst die Organisation des Baus uebernimmt. Nun wuerde ich als Europaer natuerlich im Vorhinein ein paar Dinge geklaert haben, bevor ich das Geld auspacke. Hier hingegen waere es ueblicher, einfach mal anzufangen, und dann zu sehen wo es hakt. Das ganze laeuft natuerlich auf einen Kompromiss hinaus, aber schon der ist schwierig durchzusetzen, bzw. bedarf einiger Zeit. Um genuegend Zeit zu haben, schlage ich eine Abendsitzung mit offenem Ende vor, was dazu fuehrt, dass ich dort uebernachte. Auf der Tagesordnung steht eigentlich nur, den Kostenvoranschlag nochmal gruendlich durch zu gehen, aber es gestaltet sich doch schwieriger. So ziemlich alles wird noch mal in Frage gestellt: warum sollen eigentlich die Arbeiter nicht bezahlt werden? Weil sonst das Geld nicht reicht. Warum bauen wir dann nicht eine kleinere Schule? Sollte man nicht doch dickere Mauern machen? Ausserdem Der ganze Zielkonflikt zwischen guten Materialien, vielen Raeumen und wenig Geld wird nochmal durchgekaut. Am Ende habe ich das Gefuehl in der Planung wieder etwas zurueckgeworfen worden zu sein; vielleicht fuehrt das ja aber auch zu einer Art Konsolidierung. Weiterhin offene Fragen stelle ich das naechste Mal schriftlich zur Diskussion, in der Hoffnung dann nur die Antworten entgegennehmen zu koennen. Das klappt auch ganz gut, allerdings finde ich nur Antworten, sondern auch wieder eine Bitte. Es geht wieder um Gehaelter. Fuer die Organisation der Arbeiter moechte man im Dorf so vorgehen, dass jeden Tag Maenner aus einer bestimmten Strasse oder Region zur unentgeltlichen Arbeit gebeten werden. Allerdings braucht man natuerlich auch Leute, die nicht taeglich wechseln, die wenn moeglich den ganzen Bau betreuen. Dass diese Leute wiederum nicht unentgeltlich arbeiten wollen und koennen, ist auch allen klar. Daher, nach ausfuehrlicher Schilderung einiger Familienschicksale die Bitte, dass ich doch wenigstens die Gehaelter dieser zwei, drei Leute uebernehme. Das waere natuerlich das naheliegendste, und das sehe ich auch vollkommen ein, allerdings gefaellt mir das ueberhaupt nicht. Einerseits muss ihnen das bei ihrem Versprechen, dies alles selbst zu organisieren, klar gewesen sein, andererseits weiss ich mittlerweile sehr wohl, dass es, wenn auch vielleicht kein Kinderspiel, zumindest moeglich ist, diese Gehaelter aufgrund eines Schurabeschlusses von den Familien zu sammeln. Mir liegt sehr viel an dem beschlossenen Konzept Materialkosten und Gehaelter zu trennen und auf verschiedene Schultern zu verteilen. Fuer sie hingegen waere es einfacher, einfach anzufangen, wohlwissend, dass dann die Materialkosten von dem zur Verfuegung stehenden Geld niemals bezahlt werden koennten, und dann fuer die Fertigstellung des Baus Geld zu sammeln. Das ist mir aber zu schwammig. Die Gehaelterfrage wird derzeit in der Schura diskutiert.
In der Zwischenzeit kam es allerdings auch noch zu einem rein technischen Treffen, bei dem der Ingenieur, der eigentlich in das Gremium berufen wurde, zum ersten Mal anwesend ist. Die muehsam erarbeiteten Plaene und Listen werden kurzerhand ad acta gelegt. Es gibt einen neuen Plan inklusive veraenderter Raumaufteilung, und anderen Baumaterialien. Zwar straeube ich mich erst, aber schliesslich ist das ja ein anderer Grundpfeiler des Konzepts: bei der Planung keine eigenen Entscheidungen zu treffen, alles gemeinsam zu besprechen, und immerhin ist er ja von der Schura (der gewaehlten Dorfverwaltung) in das Gremium berufen worden. Aufgrund des angesprochenen Zielkonflikts muss man viel abwaegen und Abstriche machen: wieweit kann man beim Material einsparen um moeglichst viele Raeume zu erhalten, wie gross sollten die Raeume sein, etc. Dass es schwer ist, sich da festzulegen ist klar, dass man ganz persoenliche Vorlieben hat und eigene Schwerpunkte setzt, auch. Ausserdem bin ich in diesen meist technischen Fragen ja sehr wenig versiert, und kann mich erst im Nachhinein mit Freunden absprechen um dann eine "eigene" Stellung zu beziehen. Dadurch verschleppt sich dieser Prozess zusaetzlich.
Als ich dann am naechsten Tag den ausgearbeiteten Plan abholen moechte, sind die Materialien doch wieder die alten, nur die Raumaufteilung ein wenig veraendert, aber vorteilhaft wie ich finde.
Abends finde ich mich wieder zur Diskussionsrunde mit offenem Ende ein, wieder uebernachte ich. Es geht vor allem um Sparmassnahmen. Ein anstrengendes Thema, es ist einfach sehr ungewoehnlich, dass ein Auslaender so sehr aufs Geld achtet. Aber die meisten haben verstanden, dass es am Ende ihnen bzw. ihrer Schule zu Gunsten kommt, da ich weiteres Geld erstens nicht habe, und zweitens vielleicht andere Geldgeber angelockt werde koennen, sollte das Projekt wie geplant funktionieren.
In den Abenden wenn ich uebernachte, bleibt natuerlich viel Zeit zum Reden. Als einer mich aus Versehen mit Christoph Kolumbus anredet, frage ich in die Runde, wann der denn Amerika entdeckt habe. Die Schulabgaenger, die zuerst an der Reihe sind verheddern sich allesamt Mitte bis Ende des Zwanzigsten Jahrhunderts, einer siedelt das Ergebnis 1999 an. Erst ein junger Englischlehrer kommt dem Datum gefaehrlich nah: vor sechshundert Jahren. Die naechste Frage waehle ich ein bisschen naeher, sowohl zeitlich als auch geografisch: Wann sind die Russen in Afghanistan einmarschiert. Da man sich nicht einig ist, kommt es zu einer ernsthaften Auseinandersetzung. Als ich nach einigen Minuten Umrechnungszeit in ihren Kalender immerhin mal Monat und Tag liefere, ist man sich sehr einig. Um mich auf ein Jahr festzulegen bin ich mir allerdings selbst zu unsicher um mich auf eine der beiden Seiten zu schlagen. Das Quiz ist beendet. Beim naechsten Mal werde ich gefragt, warum ich denn kein Auto haette. Auf die Antwort, dass ich dafuer zuwenig Geld habe, folgt von einigen Unverstaendnis: besser waere es doch, von dem Geld fuer die Schule ein Auto fuer mich zu kaufen. |
| 4-. 2005 | Dieses Datum boete sich natuerlich an, allerlei zu erfinden, aber leider gebietet dies der Ort nicht. Deshalb bleibe ich vorerst mal bei der Wahrheit.
Die Fahrt von Kabul nach Herat war kuerzer als erwartet, nur anderthalb Tage naemlich, aber dennoch sehr anstrengend. Vor allem der zweite Teil von Kandahar nach Herat: eine alte russische Strasse, dreizehn Stunden, zu viert auf der Rueckbank. Das muss ich nicht noch mal machen, bin aber trotzdem froh, es einmal gemacht zu haben. Gebracht hat es mir vor allem die Erkenntnis, dass sich fast alles doch sehr aehnlich sieht. Zumindest auf den ersten Blick und jedenfalls an dieser Hauptverbindungsstrasse. Das viele Wasser, das im Winter auf uns niederkam hat immerhin dazu gefuehrt, dass sonst wueste Landschaften gruen schimmern. Aber auch manche Flussdurchquerung wurde dadurch schwieriger.
Im letzten Bericht habe ich mich mal wieder hinter Andeutungen versteckt, auf dich wohl naeher eingehen sollte. Der "liquide Partner" den ich angesprochen hatte ist das neue italienische PRT, das hier heute offiziell seine Arbeit aufnimmt und damit die Amerikaner abloest. Diesem stehen einige Millionen Euro fuer drei Projektprogramme zur Verfuegung. Soforthilfe, wie Lebensmittel und Wasserversorgung, im zweiten Schritt Erweiterungen der vorhandenen Infrastruktur, wie zusaetzliche Gebaeude fuer Krankenhaeuser, Schulen etc., und drittens Grossprojekte bzw. Projekte mit besonderer Langzeitwirkung, wie hoehere Bildung.
Nun dachte ich, sei es sehr geschickt in irgendeiner Weise an der zweiten Stufe mitzuarbeiten, Erfahrungen zu sammeln um dann ganz am Ende meiner Zeit hier das eigene Projekt umzusetzen. Allerdings musste ich feststellen, dass es dazu noch keine Einzelheiten gibt, und vor allem auch nicht abzusehen ist, wann es die geben wird -- denn man sollte ja schliesslich nichts ueberstuerzen.
Waehrend eines Abendessens mit anderen Deutschen, die sich sehr fuer das Projekt interessierten, wurde mir glaubhaft versichert, dass ich wirke als haette ich Angst vorm Anfangen; viele Symptome sprechen in der Tat dafuer. Dankbar fuer diesen ueberredungsreichen Anschub fuhr ich naechstentags in das Dorf mit der mehrheitlichen Hazara-Bevoelkerung, in welchem die grosse Eigeninitiative vorherrscht (siehe 27.2.05). Wie lange die anhaelt, wird man natuerlich sehen muessen, aber ich bin guter Dinge, selbst wenn man allgemein wenig Erfolg versprechendes von anderen Organisationen hoert.
Anlass meines kurzen Besuchs war die Bitte, so schnell als moeglich eine kleine Versammlung einzuberufen, denn waehrend des oben angesprochenen Essens wurde auch der Stichtag fuer den ersten Spatenstich auf den 3.2.1384/23.4.2005 festgesetzt. So schnell als moeglich bedeutet 25 Stunden, das ist hinnehmbar, allerdings warte ich am naechsten Tag ueber eine Stunde bis alle anwesend sind -- wer es eilig hat, muss zahlen.
Ich hatte ihnen versprochen mitzuteilen, ob, oder ob nicht der Schulbau in ihrem Dorf angegangen wird. Um sie mir ein bisschen gefuegiger zu machen, erlaube ich mir einleitend ein paar Punkte zu nennen, die dagegen sprechen, in ihrem Dorf eine Schule zu bauen, ohne zu wissen, dass man das nicht auf sich sitzen lassen kann. Eine halbe Stunde wird so hitzig debattiert, dass ich kaum ein Wort verstehe. Aber dann gelangen wir doch wieder an den Pukt, an dem wir vor Wochen schon einmal waren. Also lasse ich die Punkte folgen, die dafuer sprechen. Und schliesslich gebe ich bekannt, dass wir bereit sind eine Zusammenarbeit auf zu nehmen. Schnell wendet sich das Gespraech in geschaeftige Planungen. Ich beauftrage sie ein kleines Gremium zu bilden mit welchem ich in Zukunft planerisch zusammen treten werde. Sie versprechen, dies zu tun und wollen mich dann kontaktieren. Nach drei Tagen erhalte ich einen Anruf -- mir geben sie nur sieben Stunden Zeit. Aber auch dann wieder eine Stunde Verzoegerung bis begonnen werden kann. Nur eine gute Stunde benoetigt es, sich ueber Raumaufteilung und Baumaterialien im Grunde einig zu werden. Anschliessend findet eine Expertenrunde statt (Architekten und Ingenieure aus dem Dorf) und am naechsten Tag bekomme ich eine Skizze sowie eine Art Kostenvoranschlag, mit genauer Auflistung aller besprochenen Materialien, der benoetigten Menge und ihren Preisen.
Auf dieser Basis werde ich mich jetzt selbst nach Materialien umsehen, und wenn alles klappt, wird der Brunnen, den man zum Bauen braucht, in drei Wochen begonnen. |
| 3-. 2005 | Entschuldigt die Verspaetung! Ein Regenguss der mich auf einem Spaziergang ueberraschte streckte mich einige Tage darnieder und nun bin etwas kurzfristig nach Kabul geflogen um Gespraeche zu fuehren. Morgen frueh mache ich mich auf den Rueckweg, und zwar habe ich eine Mitfahrgelegenheit gefunden, anstatt fliegen zu muessen. D.h. es bietet sich mir die Chance einen grossen Teil des Landes sehen zu koennen, nur leider ist die Strecke auch ein bisschen gefaehrlich.
In Kabul habe ich jedenfalls einen liquiden Partner gefunden. Wie wir in der Umgebung Herat konkret arbeiten werden, wird sich noch herausstellen, aber es hoert sich vielversprechend an. In den Wochen nach meiner Rueckkehr (die Reise wird ca. 4 Tage dauern) werden wir diese Dinge planen, und dann kann ich auch konkreter berichten.
Zum Abschluss noch eine kurze persoenliche Erfahrung aus Kabul. Waehrend eines Stadtspaziergangs war ich auf einen Park gestossen, den ich durchqueren wollte, wurde aber am Eingang barsch aufgehalten und gefragt was ich hier wolle. Meine Erklaerungen, dass ich einen Spaziergang mache, schien wenig glaubwuerdig, denn leider war ich im Begriff das Gelaende des Verteidigungsministeriums zu betreten, und dass just an diesem Tag Condoleezza Rice in Kabul weilte wusste ich auch nicht. Leider hatte ich meinen Ausweis nicht dabei, und auch sonst nichts, womit ich mich haette ausweisen koennen. Und so geriet ich also in die Faenge der Spezialeinheit der Armee zur Verteidigung des Verteidigungsministeriums. Zwei Stunden hatte ich Zeit mich in unzaehligen Bueros irgendwelchen Colonels und Offizieren gegenueber zu erklaeren. Ich wusste ja, dass man mir nicht viel vorwerfen kann, und nutzte also die Gelegenheit um all diesen Personen, teils auch sehr lautstark, mitzuteilen was ich von Ihrer Arbeit halte. Deutsche haben in Afghanistan ein sehr hohes Ansehen, und eben das war mein Problem. Dass ich mich als Deutscher ausgab, glaubte mir keiner so recht, und man fasste es eher als Beleidigung auf. Da ich niemanden ueberreden konnte, dass wir den Pass holen muessten, habe ich dann schliesslich einen einflussreichen Freund angerufen, und wenige Minuten spaeter war ich wieder frei. So ist das hier, die Arbeitsweise der Russen hat Eindruck gemacht. Und wer die Chance hat, mit einer scharfen Kalaschnikov auf jemanden zu zielen, wird diesem Reiz erliegen. |
| 2-. 2005 | In der Zwischenzeit hat sich die Schura des großen Dorfes beraten ob, und wenn wie sie sich eine Zusammenarbeit vorstellen können. Ich nutze die Gelegenheit um das Dorf erneut aufzusuchen und bringe Zeit mit, es besser kennen zu lernen. Zwei Stunden dauert der Spaziergang um den größeren der beiden Teile des Dorfes. Das bemerkenswerteste: beim ersten Besuch hatte ich das Gefühl, dass die Häuser relativ teuer und die Bewohner also vergleichsweise wohlhabend sind. Die Häuser bestehen nämlich aus getrockneten Zementziegeln, was zwar moderner und ordentlicher aussieht, aber nicht weniger angreifbar und klimatisch sogar ungünstiger ist. Außerdem fällt erst beim näheren Hinsehen auf, dass viele der Gebäude nicht fertig gestellt sind, manche Familien müssen sich mit dem Rohbau zufrieden geben, ein Tuch ersetzt die Tür, Plastikfolien die Fenster. Hier spiegelt sich das tragische der Situation dieser rückkehrenden Flüchtlinge wieder, denn aus denen setzt das Dorf sich ja fast ausschließlich zusammen: im Ausland haben sie Dinge kennen gelernt, die sie nicht mehr missen möchten, haben sich an einen Lebensstandard gewöhnt, der hier nur mit viel Geld aufrecht zu erhalten ist, das sie wiederum nicht haben. Die Bereitschaft in ländliche Gebiete zurückzukehren ist unter ihnen praktisch gleich null, aber das wichtigste, genügend Arbeit, können die Städte hier nicht bieten. Auf dem Land kann man sich mehr oder weniger selbst versorgen, hier aber ist das Land zu teuer um Landwirtschaft zu betreiben oder Vieh zu halten. Ein solches Leben ist nur möglich, kann man sich täglich Lebensmittel leisten. Trotz der Nachfrage die der Wieder- und Neuaufbau beschert gibt es ein Überangebot an Handwerkern, ganz zu schweigen von den Arbeitern. Den meisten hat das Geld für das Grundstück zwar gereicht, für den Bau des Hauses wurde es dann schon knapp, an weitere Investitionen um sich beruflich etwas aufzubauen also nicht zu denken.
Umso schöner, dass man sich trotzdem um Kultur und Bildung kümmert. Neben der obligatorischen Schura, dem gewählten Dorfvorstand, geschieht dies in einer sich Ghalam („Stift“) nennenden Organisation. Diese verfügt auch über die Grundstücke, die für Schulen zur Verfügung stehen.
Während des ersten Treffens hatte ich ihnen die zur Verfügung stehende Summe genannt, und nun präsentieren sie ihren Vorschlag: acht bis neun Räume aus gebrannten Lehmziegeln mit Zement, ganz ohne Beton. Dass man freiwillig auf Beton verzichtet, kommt sonst praktisch nicht vor, und auch das Zugeständnis ausreichend Arbeiter zur Verfügung stellen zu wollen, die ohne Lohn arbeiten, ist andernorts undenkbar. Denn leider ist die Einstellung sehr verbreitet, wenn man nur lange genug wartet, wird schon jemand kommen, der eine Schule und Klinik baut, und obendrein noch viel für die Arbeiter bezahlt. Hier aber – scheint zumindest – im Vordergrund zu stehen, dass die Schüler und Schülerinnen so schnell als möglich adäquate Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt bekommen, und auch das „adäquat“ wird angenehm pragmatisch interpretiert.
Es wäre dies also, meiner Ansicht nach, eine gute Möglichkeit, das Geld sinnvoll einzusetzen, da eine unterstützenswerte Zielgruppe gefördert, und außerdem viel aus dem Geld herausgeholt würde. Einen Wermutstropfen gibt es aber natürlich auch hier, die Nähe zur Stadt. In letzter Zeit hört man regelmäßig Geschichten von rückkehrenden Flüchtlingen, die sich nicht Wohlfühlen, und deshalb lieber wieder zurück ins Flüchtlingslager gehen. Aus diesem Grund denke ich, wäre es am sinnvollsten, die Rückkehrbereitschaft in die ländlichen Gebiete zu fördern, z.B. indem man dort wenigstens eine Schule bereitstellt, andernfalls kann man sich strafbar machen, die Verstädterung auch noch unterstützt zu haben. Bis Mitte März wohl, wird sich zeigen, ob sich für ein Projekt weit entfernt von der Stadt noch eine gute Möglichkeit finden lässt, wenn nicht, wird es höchstwahrscheinlich auf dieses Dorf hinauslaufen.
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| 2-. 2005 | Eigentlich hatte ich geplant Anfang September zu kommen, musste die Reise dann verschieben und kam dann schliesslich am 1. November in Herat an. Damit habe ich zufaellig den perfekten Zeitpunkt getroffen um ein Jahr zu bleiben, den Beginn des Winters, der Zeit, in der man sowieso schwer bauen kann. Ueberdies hinaus ist es wohl auch psychologisch nicht schlecht mit der unangenehmsten Jahreszeit zu beginnen. Jedenfalls konnte und kann ich so noch die erste Zeit dazu nutzen, in Ruhe anzukommen, Land und Leute kennen zu lernen, sowie -- ebenfalls in Ruhe -- erste Kontakte zu knuepfen und Erfahrungen zu sammeln.
Alldies hat mich nun endlich befaehigt "Geldmangel" als das groesste Problem isolieren zu koennen. Zwar koennte man mit 7000 Euro eine Schule auch weit von der Stadt entfernt durchaus bauen, aber das Ergebnis waere ein anderes als mir weissgemacht wurde. Ich hatte mich einfachheitshalber an die niedrigste Summe geklammert, ohne gross nachzudenken, ohne zu pruefen, und was schlimmer ist, diese "Unwahrheit" auch noch verbreitet.
Nun gibt es zwei Moeglichkeiten: mehr Geld aufzutreiben, oder das bestmoegliche aus dem vorhandenen zu machen.
Aber was bedeutet das bestmoegliche? Meines Erachtens zum Beispiel folgendes: Ich stehe im Kontakt zu einer Gruppe von Hazaras, die sehr gut organisiert sind, und deshalb aus wenig Geld vergleichsweise viel machen koennen. Dies hat seine Gruende: die Hazaras sind mit rund 15% Bevoelkerungsanteil eine grosse zwar, aber eine unterdrueckte Minderheit -- sie sind Schiiten und praktisch die einzigen im Land. Ich denke schon die daraus resultierende Vernachlaessigung von staatlicher Seite ist Erklaerung genug fuer die Notwendigkeit sich selbst zu organisieren. Im Gespraech mit Ihnen ist ein Dorf von zurueckgekehrten Fluechtlingen, die erste Schule gerade im Bau, fuenftausend Familien, die Mehrzahl Hazaras. Hier also ist nun denkbar, die bestehende Eigeninitiative zu unterstuetzen, eine erweiterbare Schule anzulegen und bei Erfolg evtl. weitere Geldgeber anzulocken.
Soviel erstmal zum Thema "bestmoegliches mit dem vorhandenen Geld", aber auch die andere Moeglichkeit, weiteres Geld aufzutreiben, ist noch denkbar. Nicht wie bisher als Vereinsspenden, denn dafuer braucht es Zeit und schliesslich droht der Fruehling, sondern infolge einer Zusammenarbeit mit einer anderen Institution hier vor Ort. Im letzten Bericht eingangs zwar angesprochen aber nicht erwaehnt, ist da die Schulbehoerde zu nennen. Mit Geldern von denen zu arbeiten hoerte sich aus dem Mund eines Freundes moeglich an, hat sich jedoch zwischenzeitlich zerschlagen.
Nun habe ich einer anderen sympathischen Organisation eine Zusammenarbeit vorgeschlagen, da sie schon Schulen bauen, und das auf eine Art und Weise wie sie dem urspruenglichen Plan sehr nahe kommt.
Aber noch ein anderes Thema, ich denke ich bin es Herat schuldig (nicht dass ein falsches Bild bleibt). Um mein Persisch zu beleben, gehe ich seit 5 Wochen regelmaessig in zwei kleine Restaurants in denen man gemuetlich auf dem Boden zusammensitzt. Hier gibt es keine Auslaender und gewoehnlich kann auch keiner Englisch. In dem einen gibt es sechs Gerichte: Reis mit Rosinen und Kartoffeln oder Fleisch, Reis ohne Rosinen mit Kartoffeln oder Fleisch sowie Reis mit oder ohne Rosinen mit Kartoffeln und Fleisch. Bei dem anderen habe ich es noch nicht so ganz durchschaut, aber es sind weniger. Man findet sich hier gemeinsam um halb Eins und Sechs zum Essen ein, die Tischdecke wird ausgebreitet und das Essen gebracht. Danach gibt es Tee, und oft ist es sehr unterhaltsam.
Nun habe ich aber noch ein anderes gefunden. Ein alter Mann bereitet das Essen vor. Ein Gericht: Reis mit Kartoffeln und Brot, Fleisch koennte hier wohl sowieso niemand zahlen. Die einkehrenden, die sich augenscheinlich kennen, begruessen sich mit der kurzen Frage "gearbeitet?". Jeder haengt hier seinen Gedanken nach, ein unangenehmes Schweigen vor dem Essen, waehrend, und auch danach. Ich bin der einzige, der um einen Tee bittet, obwohl der auch hier inklusive ist -- aber wahrscheinlich nur wenn man den vollen Preis bezahlen kann, ich weiss es nicht. Als ich gegangen bin, statt dreissig vierzig Afghani gezahlt habe, kommt mir der Sohn des Besitzers hinterhergerannt um mich auf meinen Fehler aufmerksam zu machen. Gluecklicherweise laesst er sich ueberreden, den Rest zu behalten.
In den anderen beiden Restaurants kann man auf dem Boden, auf dem man isst auch uebernachten. So trifft man dort viele, die aus der Umgebung nach Herat kommen. Um Behoerdengaenge zu erledigen oder Arbeit zu suchen.
Es wird sehr viel gebaut, der Bedarf an Hilfskraeften auf Tagesbasis ist gross. Grosse luxurioese und reich verzierte Privathaeuser entstehen, es gibt Supermaerkte nach westlichem Vorbild (wo es Preisschilder gibt, und Handeln zwecklos) mitten in der Stadt wird bald das erste Hochhaus fertig sein. Als Ismail Khan noch Gouverneur war, gab es aber auch viele oeffentliche Projekte, die einfach gestoppt wurden nachdem Karzai ihn abgesetzt und als zweitrangigen Minister entschaerft hat. Kanalprojekte, die jetzt brach liegen und wahrscheinlich bald weggeschwemmt werden, grosse Fabrikhallen ausserhalb der Stadt, neu aber nicht fertig. Warum? fragt man sich. Diese Projekte waren mit Steuereinnahmen finanziert, die zu grossen Teilen der Zentralregierung in Kabul gehoeren, und die entscheidet natuerlich lieber selbst, wo das Geld hinfliesst. Im Vergleich zu anderen Orten in Afghanistan ist es wohl in Herat auch wirklich nicht so dringend.
Wie dem auch sei, der Beschaeftigungslage hatte es gut getan. Die Strassen sind noch immer gepraegt son den "transporteuren", die auf umgebauten Eselskarren Baumaterialen hin und her schieben und ziehen. Eine schweisstreibende Arbeit, die ihnen 60 Afghani beschert, das ist z.Zt. kein ganzer Euro und etwa ein Pfund Tee wert. |
| 1-. 2005 | Bezueglich des Projektes sind gerade zwei Dinge in der Schwebe, die mich entweder unheimlich weiterbringen oder praktisch wieder an den Nullpunkt setzen -- dazu aber dann mehr, wenn sie entschieden sind.
Um den so freigewordenen Raum zu fuellen also schon wieder ueber Land und Leute. Die erste Phase der intensiven Zusammenarbeit mit Abdul Jebar ist voruebergegangen, was Anlass gibt auf die Zeit mit ihm zurueckzuschauen. Ihn habe ich bisher am besten kennen gelernt, d.h. ich kann bei ihm schon sehr sicher die ernsten von den hoeflichen Einladungen unterscheiden -- eine hoellisch schwierige Aufgabe, die man taeglich mehrfach bewaeltigen, und fuer den zweiten Fall dann auch noch eine adaequate Ausrede bereithalten muss. Er ist Englischlehrer, und wie jeder Englischlehrer, der Englisch kann, arbeitet er im "foreign office" und nicht etwa in der Schule. Er schaetzt sich auf knapp sechzig Jahre, was in diesem Alter hier ja nachvollziehbar sein mag, aber auch bei seinen Kindern hat er keine genaueren Informationen ueber das Alter, als das, was man halt sieht; wo doch das Juengste gerade frisch zur Schule geht!
Am interessanten sind mit ihm die Gespraeche ueber Religion. Die allgemeine Version, dass er als Jugendlicher nicht glaeubig war, nun hingegen schon deswegen, weil Religion die Menschen anhaelt Gutes zu tun, passt er entsprechend an wenn er sich z.B. mit einem Atheisten unterhaelt. Tatsache ist, dass er nur dann betet, wenn es ihn gerade nicht uebermaessig stoert oder aber das Unterlassen negativ aufzufallen droht. Er beschreibt sich als eine Art geografischer Moslem, da er nun mal in einem muslimischen Gebiet lebe. Eigentlich aber sei ihm die spezielle Religion herzlich egal (er beschreibt die verschiedenen Glaubensrichtungen als ein Kreis um das eigentliche Ziel, jede sei hier gleichwertig). Auch macht er regelmaessig deutlich, dass er an die Wahrhaftigkeit der uebermenschlichen Ereignisse nicht glauben koenne, sie seien halt Teil der Religion. Sein ein und alles ist hingegen die Bildung. Jedes Fehlverhalten, jede Ruepelhaftigkeit wird als Ungebildetheit abgetan. Eines Abends ereifert er sich ueber SIM-Karten: die sind so klein und wertvoller als Gold, "that is up to knowledge!".
Viel weiss er von "Primary Health", daneben aber auch Kurioses: Meine Abneigung gegen frischen Koriander kann er nur gut heissen, weil der naemlich so viele weibliche Hormone enthalte, dass er sowieso nicht gut sei fuer mich. Auch in vielen anderen Belangen meint er oft sehr gut zu wissen was mir gut tut, dann muss ich regelmaessig sehr bestimmt werden um meinen Willen durchzusetzen. Das ist natuerlich ein generelles Problem. Zum Einen steht man in meinem Alter hier noch ausnahmslos unter der Fuchtel [bei]der Eltern, zum Anderen werde ich hier gerne auf 17/18 Jahre geschaetzt. Da wird sowieso noch gespurt!
Diese Vaterrolle in die er hin und wieder feallt, nimmt fuer mich dann immer wieder komische Zuege an, wenn er mir ausfuehrlich von seinen -- sicherlich unangenehmen -- Schmerzen berichtet, in einer Art und Weise, die mich an kleine Kinder erinnert. Ebenso die Geschichten aus seinem Leben, bei denen er die Pointen gerne hinter Bergen von Details versteckt oder aber am Anfang schon fast verraet. Das mag sich jetzt sehr negativ anhoeren, soll es aber nicht. Abschliessend bleibt zu bemerken, dass wir auch viel miteinander lachen koennen.
Diese Verhaltensweise, die sich wohl am besten mit dem leider negativ belegten Wort "naiv" beschreiben laesst, ist hier natuerlich weit verbreitet. Aber neben Fragen wie "benutzt ihr Afghanis [die hiesige Waehrung] auch in Deutschland?" treten auch solche, wie "warum habt ihr uns nicht frueher geholfen? Jetzt brauchen wir eure Hilfe nicht mehr!". Viel werde ich ueber Deutschland gefragt. Eine Runde Lehrer fragt mich, was ein Lehrer in Deutschland verdiene. Meine Schaetzung versetzt sie etwas in Aufruhr. Als wir dann aber gemeinsam ausrechnen, dass ein afghanischer Lehrer mit seinem Gehalt immerhin rund zwei Drittel der Zigaretten kaufen kann, die ein deutscher Lehrer pro Monat kaufen kann, sind sie doch wieder beruhigt. Nichtsdestotrotz wuenschen sich viele nichts sehnlicher, als z.B. nach Deutschland zu kommen. Etwa zweimal am Tag muss ich einem gastfreundlichen Afghanen erklaeren, dass es nicht genug waere, wenn wir gemeinsam fliegen, und ich der Polizei sage, wir seien Freunde. Dass vor sechzig Jahren in Europa Krieg herrschte, koennen viele garnicht glauben.
Wie im letzten Bericht angesprochen, sind die Folgen des Kriegs sehr ungleich verteilt. So erfreuen die 20-30jaehrigen jungen Maenner aus den besser situierten Familien sich ihrer neuen Moeglichkeiten, die pubertaere Phase doch noch ausleben zu koennen, und das, wie man oft beobachten muss, auch noch teilweise auf Kosten der Schuhputzerjungs etc., die schon mit acht Jahren eine unglaubliche Lebenserfahrung haben, aus deren gealterten Gesichtern der grausame Ernst des Lebens spricht. Diejenigen dieser Kinder, die das Glueck haben in einem Laden arbeiten zu koennen, sieht man oft lesend auf Kundschaft warten. Kuerzlich musste ein Haendler seinen Sohn hinzuziehen um 150 und 150 zusammen zu rechnen. Viele dieser nicht alphabetisierten Eltern, in der Stadt wie auf dem Land, schicken ihre Kinder gerne in die Schule und sogar in extra Englisch-Kurse (die einzige Moeglichkeit um Englisch zu lernen). Das schoenste aller Bilder gab einer der Soldaten ab, die in Holzbarracken vor den zu bewachenden Objekten leben, er sass in der Sonne, die Kalaschnikov beiseite gelegt und las fluesternd ein Magazin. |
| 1-. 2005 | Das neue Jahr brachte erstmal viel, was nichts direkt mit dem Projekt zu tun hat. Neben den Streiks meines Magen-Darm-Traktes, an die ich mich ja schon gewoehnt habe, zur Abwechslung aber auch mal eine rasselnde Bronchitis und nun schon zum zweiten Mal Schnee -- es wird wohl kraeftig Wasser geben im Fruehling.
Auf zwei Hochzeiten, zu denen man mich einlud, hatte ich die Moeglichkeit die Schicht der Importeure und sonstige Neureiche naeher kennen zu lernen. Mit diesen erfolgreichen "Dealern" ist es in der Tat ein bisschen frustrierend: zu den teils unueberschaubaren Familienbesitzen gesellt sich immer mehr auch wirtschaftlicher Erfolg aber kein Funke Eigeninitiative in puncto Wiederaufbau. Dass man sich am Rande eines bettelarmen Dorfes einen Rosinengarten mit Wochenendhaeuschen und Pool anlegt obwohl man die Schulsituation im Umkreis kennt und als sehr schlecht einstuft (aus bis zu 10km Umkreis kommen die Kinder hier in eine alte Moschee) mag sich aus dem Krieg und der damit verbundenen Unterdrueckung zwar einigermassen unmittelbar ergeben, wirkt aber dennoch sehr unmenschlich. Der gleiche Mann haelt sich Tauben im Wert von rund $10.000 auf dem Dach.
In diese Kategorie der "Fragen und Zweifel" gehoert wohl auch folgendes: Zwar alt bekannt aber dennoch interessant zu beobachten ist der unheimliche Unterschied zwischen Stadt (-naehe) und laendlichen Gebieten. Fuehlen sich die Bewohner eines stadtnahen Dorfes schon schlecht dran, weil sie keine Computerkurse fuer die Kinder und Jugendlichen haben, so fuehlt man sich in den Bergen (mit herkoemmlichen Mitteln mehr als einen Tag von der Stadt entfernt) oft vergleichsweise wohl, obwohl man natuerlich noch weniger hat.
Wer ist hier Hilfsbeduerftiger? Der, der wenig hat und sich vergleichsweise wohlfuehlt? oder der, der mehr hat, sich aber ueberhaupt nicht wohlfuehlt?
Eine Art Antwort darauf geben diejenigen, die sich mehr und mehr selbstaendig organisieren; darunter erfreulicherweise viele Jugendliche. Ein motivierter Verein nach dem anderen entsteht hier in letzter Zeit. Diese eigenen Ansaetze zu suchen, bzw. zu versuchen denjenigen zur Seite zu stehen, die (im Rahmen ihrer hoechst unterschiedlichen Moeglichkeiten) bereit sind selbst entscheidend mitzuhelfen, ist wohl ein gangbarer Weg.
Morgen habe ich die Chance einige solcher Menschen kennen zu lernen, danach hatte ich ja bisher praktisch gesucht, und hoffe sehr, dass sich mehr daraus ergibt. Zu verdanken habe ich das einem Pilotprojekt in der hiesigen Aussenstelle der deutschen Botschaft. Ein Franzose, der zum Ausdruck der guten dt.-frz. Beziehungen und Wegbereiter fuer angestrebte europaeische Vertretungen als Botschaftsrat zwischen Deutschen sitzt -- ein Segen. Die pure Handlungsfreude paart er mit einer positiven Einstellung gegenueber Allem und Jedem; wo man hier doch sonst eher reserviert ist zu Jedem und Allem.
Etwas Anderes, was laengst ueberfaellig war und nun endlich stattfand, war das erste Gespraech mit einem Ingenieur. Er arbeitet fuer eine afghanische Baufirma, eine Moeglichkeit, die mir schon desoefteren als einfachster Weg vorgeschlagen wurde. Zwar kommt eine Baufirma schon wegen der Preise nicht in Betracht, aber das weiss hier noch niemand, und es soll hier auch erstmal nur um Technisches gehen, um Materialien, Bauweisen etc. Diese in meinen Augen einfachen Informationen sind allerdings schwieriger zu bekommen als ich dachte. Zwar kann er mir nicht sagen, welche Materialien wieviel kosten und wieviel von was man fuer die verschiedenen Bauweisen benoetigt, moechte aber unbedingt die zur Verfuegung stehende Summe wissen um mir die Anzahl der Zimmer zu sagen, die moeglich sind. 20 Minuten benoetige ich, um ihm die Umkehrbarkeit dieser Rechnung klarzumachen, vorausgesetzt er kennt sich aus. Langsam bekomme ich dann tatsaechlich ein paar der genannten Informationen aber bei weitem nicht alle. Was allerdings deutlich wird, alle Kosten, sowohl Material als auch Arbeitszeit, sind in den letzten Jahren stetig gestiegen, d.h. alle Preise, mit denen ich bisher gerechnet habe, sind eher historisch. |
| 1-. 2005 | Nun also endlich ein Projektbezogener Bericht. (Ich bitte meine Schreibwut zu entschuldigen, aber man erfaehrt auch genuegend, wenn man von jedem Absatz nur die ersten zwei Zeilen liest.)
In den ersten sechs Wochen hatte ich nicht das Gefuehl, dass ich hier mit meiner Planung viel anfangen kann, das geht aus dem ersten Bericht ja auch hervor. Seit Mitte Dezember geht es nun aber spuerbar voran, ausserdem fuehlt sich auch alles etwas steuerbarer an -- ein Zustand allerdings, der nicht von Dauer sein muss, da glueckliche Umstaende ihren Teil dazu beitrugen.
Insgesamt muss ich mit der Planung wieder bei Null anfangen, denn die Entscheidung, die Schule in dem in der Projektpraesentation beschriebenen Dorf zu bauen, fiel ohne viel Hintergrundwissen und bedarf jetzt einer ausfuehrlichen Legitimation und gegebenenfalls einer Modifikation.
Anfangs wurde mir von verschiedenen Seiten abgeraten in Tschischt zu arbeiten. Die Einen waren der Meinung, es sei zu weit entfernt und dadurch fuer den Anfang zu kompliziert. Dann hoere ich, dass Tschischt eine reiche Gegend sei. Viele weisen darauf hin, dass es unnoetig sei, soweit zu fahren, da naehere Orte, ja sogar Herat selbst ebenso dringend Schulgebaeude brauchen. Allen voran Abdul Jebar, der die undankbare Aufgabe uebernommen hat, sich um mich zu kuemmern. Er moechte mir ein Dorf zeigen, das nah und sicher ist, gute Infrastruktur zum Arbeiten hat und wo uns ausserdem seine Verwandten zur Seite stehen koennen. Das hoert sich zwar fuer mich nicht so dringend an, aber wir machen uns eines Morgens auf den Weg zum "Terminal". Der Terminal ist ein kleiner Platz am Rand der Stadt, auf dem Kleinbusse mit verschiedenen Zielen Pendler ein- und ausladen. Zu fuenfzehnt geht es dann mittags los. Nach anderthalb Stunden stehen wir in der Mitte eines Lehmdorfes, hinter uns die Ladenzeile, die denen in Herat gleicht. Die Haeuser sind meist relativ gross und zum Teil sogar zweistoeckig. Durch die aeussere, ungebrannte Lehmschicht wirken sie allerdings sehr heruntergekommen. In manchen Mauern sieht man aber auch Betonelemente. Als Dorffremde stehen wir sofort im Mittelpunkt, jeder gruesst freundlich, jeder schaut. Wir lassen uns zu seinen Verwandten leiten, wo ich im abseits gelegenen Gaesteraum warten darf, bis man sich begruesst hat. Es folgt das erste Gespraech ueber die Schulsituation, mit dem Ergebnis, dass ein neues Gebaeude hier allein wegen der grossen Schuelerzahl dringend benoetigt wird. Anschliessend besuchen wir den Direktor der Jungenschule, er ist einer der Reicheren (Landbesitzer), weiss vieles zu berichten und verspricht sein Bestes zu tun um uns zu helfen. Er begleitet uns zur Schule. Ein kleiner massiver Bau, vor acht Jahren von einer britischen NGO errichtet, der etwas ausserhalb liegt. Das groesste Zimmer, mit Teppichen ausgelegt, Weltkarte und Periodensystem an der Wand, ist das Zimmer des Direktors. Im Garten stehen Fluechtlingszelte fuer die ueberzaehligen Klassen. Nach Besichtigung der Schule wird der einflussreiche Direktor zu einer Hochzeitsfeier gefahren, was mich in meinem Gefuehl nicht Ernst genommen zu werden nur noch bestaerkt. Die Maedchenschule ist aehnlich, zwar aelter aber zweimal renoviert; auch hier die Zelte im Hof. Auf dem Rueckweg kommen wir mit einer Gruppe von Maennern ins Gespraech ueber den Dorfvorsteher und wie das Dorf funktioniert. Auch sie wollen helfen.
Das Abendessen wird von Musik aus einem Kurbelradio begleitet und von einem Gespraech ueber moegliche Standorte abgeloest. (Mein erster Vorschlag, in der Naehe der Jungenschule zu bauen weil esdort Platz hat wird abgelehnt, weil das zu weit fuer die Maedchen sei.) Am naechsten Tag sind wir bei einem anderen einflussreichen Mann zum Essen eingeladen. Seine abschliessenden Beteuerungen, mir bei allem zu helfen, wirken aufgesetzter als die Beteuerungen der Haendler in der Stadt an mir keine Rupie verdienen zu wollen.
Auf dem Heimweg mache ich mir bewusst, dass dieses Dorf zwar wirklich mehr Klassenraeume braucht, aber aufgrund des relativen Wohlstands schwer ersichtlich ist, warum man jahrelang auf Hilfe von aussen wartet. Fuer mich bedeutet das, da ein sechs-klassiges Gebaeude wie geplant hier ohnehin keinen Sinn machen wuerde, dass hier wenn ueberhaupt, nur eine Modifikation des Planes angebracht waere, der die Dorfbevoelkerung verpflichtet einen Grossteil der (z.B. Arbeits-) Leistungen selbst beizusteuern. Das waere zwar ein harter Kampf, aber sicherlich ein lohnender.
Zurueck in Herat beginne ich die Behoerdengaenge. Um zum Einstieg Informationen ueber die wirtschaftliche Situation der verschiedenen Bezirke zu bekommen wende ich mich zuerst an das MRRD (Ministry of Rural Rehabilitation and Development), wo man mich allerdings elegant an das MoE verweist (Ministry of Education; Abk. s. hip!). Dort kann man mir zwar die gewuenschten Informationen nicht geben, dafuer bekomme ich vom Direktor die Standorte der gewuenschten Neubauten. Die Originalliste lasse ich mir auf dem Bazar kopieren. Was ich immer noch nicht habe sind Hintergrundinformationen ueber die Bezirke, ausserdem wuerde ich die Liste der benoetigten Schulen gerne um die Liste der vorhandenen Schulen ergaenzen. In der Planungsabteilung der Schulbehoerde kann man mir nicht viel sagen da der Direktor mit einer Augenverletzung im Krankenhaus ist, und auch der Direktor der Schulbehoerde ist heute nicht da. Sein Stellvertreter kann jedoch das Wenige, was man in der Planungsabteilung wusste zerschlagen und nennt uns drei andere wichtige Bezirke. Aus einem dieser Bezirke kommen auch prompt zwei Bittsteller in sein Buero, mit denen wir uns kurz unterhalten und fuer das Wochenende einen Besuch verabreden.
Unterdessen fange ich an die Organisationen aufzusuchen, die in der Region Schulen bauen, da ich mir von Ihnen zusaetzliche Informationen erhoffe.
Bei den Maltesern bekomme ich einige Hinweise und Meinungen. Bei Worldvision nur einen Termin fuer naechste Woche. Bei einer dritten Organisation werde ich belaechelt und mit einer zynischen Bermerkung entlassen, nachdem festgestellt war, dass man mir keine passenden Informationen geben kann.
Am Freitag morgen fahren wir dann los um das erwaehnte Dorf im Bezirk Karuch zu besuchen. Zwar bekommen wir noch Auto Tee serviert, aber ich bin vom letzten Dorfbesuch noch gezeichnet und verdamme alles als blosse Stimmungsmache. Die erste Schule, die man uns zeigt ist ein leehrstehendes Privathaus (drei kleine Raeume total offen). Die zweite wird nachts als Stall benutzt und tagsueber als Maedchenschule -- insgesamt ein aehnliches Erscheinungsbild. Dann geht es zur High-School. Sie besteht aus vielen kleinen Raeumen, die aber fast alle vom Krieg zerstoert sind. Hier erwartet uns eine grosse Gruppe von Maennern, unter ihnen die elf Vorsteher der umliegenden Doerfer und der Direktor der Schulbehoerde Karuch. Man zeigt mir die Visitenkarte eines Mitarbeiters einer deutschen Organisation; dies sei eine der Organisationen, die hier waren, etwas versprochen haetten und nie wieder kamen. Im Anschluss kommt es zu einer herzerweichenden Szene, als die wichtigen Maenner sich beraten -- ich fuehle mich an meine Kindheit erinnert, als wir in der grossen Pause die Spielregeln festlegten. Die Versammlung beschliesst, dass sie an diesem Dorf eine Grundschule wuenscht. Der Direktor der Bezirksschulbehoerde holt sich per Handy das Einverstaendnis des Direktors der Schulbehoerde in Herat. Die Szene endet mit einem kollektiven Dank an Allah im Kreis stehend und dann Klatschen.
Zum Tee trinken wird eilig das Geschirr aus verschiedenen Haushalten zusammengetragen. Als man uns zum Mittagessen einlaedt, versetze ich, das treffe sich gut da ich sehr hungrig bin -- ein Satz den ich noch bereuen werde. Wir kommen ins Dorf, in dessen Mitte man keine Laeden findet, wo ein neuer Brunnen (dem das Pumpensystem fehlt) uns leer anstiert. Nach einer halben Stunde bekommen wir zu Acht sechs Sp |
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