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  Afghanistan (1. Reisebericht)   
    


Vorbereitungsreise im April 2004

Beim Boarding in Dubai treffen wir auf Vertreter verschiedener NGOs, einen Mitarbeiter der Welthungerhilfe und viele Afghanen. Viele Afghanen kehren nun zum ersten Mal seit 5, 10, 20 ja sogar 40 Jahren wieder nach Kabul zurück. Allen Afghanen scheint gemeinsam zu sein, dass sie unheimlich freundlich sind. In einer älteren Maschine der afghanischen Fluggesellschaft geht es in Richtung Kabul. Nachdem wir zweieinhalb Stunden wunderschönes Bergland überflogen haben, mit klitzekleinen krummen Wegen überall und überallhin, sind wir über Kabul. Kabul wirkt von oben sehr aufgeräumt, vor allem der vielen, oft leeren, Mauerquadrate wegen, die mir besonders ins Auge fallen. Was mich unten zuerst begrüßt sind Minensucher direkt an der Rollbahn, ein paar Wracks, kaputte Gebäude und kein bisschen Ordnung. Die wartende Menge steht direkt auf der Rollbahn. Bei der Gepäckausgabe herrscht Chaos. Draußen vor dem Flughafen ist es etwas ruhiger, kleine Kinder mit zerlumpten Kleidern und Herz erweichendem Blick betteln dort.
Meine erste Fahrt durch Kabul ist anders als erwartet. Viel Staub, viele kleine Händler in Containern oder mit Wagen direkt an der Straße, Bettler, oft Minenopfer, die mitten auf der Straße sitzen, oder an den Autos entlang laufen.
Noch am selben Tag komme ich durch die Shomali-Ebene Richtung Norden. Diese Ebene ist zwar sehr fruchtbar, war aber für die Zeit der Kriege die Frontlinie zwischen der Nordallianz und den jeweiligen Gegnern und ist dementsprechend zerstört und auch vermint. Die teils stark zerstörte Straße führt an zahlreichen alten Lehmgemäuern vorbei, die, so schrecklich das auch ist, sehr idyllisch aussehen. Angebaut wird hier zwar, aber es scheint gemessen an den Möglichkeiten die sich hier bieten, noch wenig zu sein. Überall neben der Straße sieht man aber arbeitende Menschen, vor allem natürlich Männer, die umgraben und in anderer Weise Aufbauarbeit leisten, hin und wieder auch Minensucher. Die meisten Dörfer an der Straße sind wieder bewohnt, dort gibt es dann auch viele kleine Läden, viele Händler aber auch Handwerker. Ich sehe die ersten Kalaschnikows, vor allem in den Händen von Soldaten und sehr, sehr viele wild bepackte LKWs älteren Baujahrs, meist aufwändig geschmückt und bemalt. Eine Gruppe von der Deutsch-Afghanischen Initiative, vor allem Afghanen, die hier vor Ort ihre Projekte besichtigen, und viele Dinge organisieren, darf ich begleiten. Wir besuchen ein Schule, die sich noch im Aufbau befindet, werden von allen Handwerkern einzeln begrüßt, unterhalten uns mit dem Schuldirektor und den Lehrern. Die Kinder scharen sich um uns dann vor allem um mich – mein Augenbrauen-Piercing interessiert sie, es ist ihnen fremd, und sie würden gerne wissen, was es ist. Vor allem freudiges Gelächter ruft es bei den Kindern hervor. Die Fotoapparate, die wir mitbringen sind ebenfalls sehr interessant. Jeder möchte fotografiert werden, und wenn man sich überreden lässt, beispielsweise zwei Handwerker zu fotografieren, so laufen sofort Kinder ins Bild.
Abends nach dem Abendessen wird der lärmende Stromgenerator angeworfen. Strom gibt es hier in Kabul nur jeden zweiten Abend, aber ferngesehen werden muss täglich.
In den nächsten Tagen besuchen wir verschiedene Organisationen, einen Wasserbeauftragten, einen Gouverneur und schließlich den Schulminister, unterhalten uns über Projekte und Problemlösungsmöglichkeiten. Im Rahmen eines Patenschaftsprogramms besuchen wir besonders bedürftige Familien. Vor allem in den Dörfern erleben wir hier die Auswirkungen des traditionellen Islam. Die Mütter, obwohl sie wissen was wir wollen, können uns nicht in den Hof lassen, verstecken sich vor uns, warten darauf, dass ihr Mann kommt, oder lassen den gebrechlichen Großvater holen. In einem Dorf stellt der Gemeindevertreter uns zur Rede, hält uns vor, dass an ihm vorbei gehandelt werde. Ob es ihm um die Macht geht, die Verwaltung von Geldern mit sich bringt, oder ob er sich einfach nur in seinem Stolz verletzt fühlt, ist nicht klar.

Auch in Kabul besuchen wir eine solche Familie, in einer Armengegend, die an ein Gebiet grenzt, wo zur Zeit viele neue Villen entstehen. Keiner weiß, wann die Minister und Kommandeure auch das Haus dieser Familie gewissenlos einreißen werden.
Mittlerweile komme ich in Kabul auch schon einigermaßen alleine zurecht. Mein Augenbrauen-Piercing habe ich entfernt, trage afghanische Kleider, eine Art Turban, und kann mich in Notfällen auch verständlich machen. Ein seltsames Gefühl ist es mitunter schon. Ich kann die Menschen schwer einschätzen. Viele sind überaus freundlich, andere zeigen überhaupt keine Regung oder sehen mich skeptisch an.
Der Kabuler Bazar liegt zu Teilen an einem Flussbett, das einer Mülldeponie gleicht. Wir besuchen die von uns so genannte Börse, um Geld zu tauschen. Über dem Hof hängt ein Meer von Telefonkabeln – wer einen Telefonanschluss haben möchte, muss sich die Leitung selber legen. Anschließend schlendern wir über den Getreidebazar und essen im Fahrradbazar.
Während der nächsten Tage besuchen wir weitere Einrichtungen. Unter anderem eine Mädchenschule, die übergangsweise in einer alten Lehmruine untergebracht ist. Der Unterricht findet unter freiem Himmel statt, aber mit Bänken und Tischen.

Nach dem Besuch in Kabul fliege ich noch für einige Tage nach Herat, ganz im Westen Afghanistans. Eine kleinere Stadt, viel weniger zerstört als Kabul, mit mehr Grün und vielen alten Lehmbauten auch in der Stadt. Auf dem Bazar werden noch viele alte Handwerke stilecht betrieben. Der Blick von einer alten Karawanserei über die Stadt ist traumhaft.
Während der nächsten Tage begleite ich die Vorbereitungen für einen Film. Wir fahren von Herat aus in die Region, besuchen Dörfer und Nomaden, unterhalten uns mit Kindern, Lehrern, Bürgermeistern und einigen Nomaden.

Neben den Missständen, die sich aus 23 Jahren Krieg geradezu zwangsläufig ergeben, gibt es noch viele andere Dinge, die mir, wenn ich zurückdenke, unangenehm aufstoßen, obwohl sie so selbstverständlich behebbar klingen.

  • Einige der Afghanen mit denen wir uns unterhielten, erzählten uns, nicht wählen gehen zu wollen, da es keine geeigneten Kandidaten gebe. Hamed Karzai, ein amerikanischer Staatsbürger, hat in der Bevölkerung wenig Rückhalt, weil er wirkt, als sei er von den USA eingesetzt worden. Ein Bürgermeister erzählt uns von der Verfassung, die den Bürgermeistern in der Loya Djirga vorgelegt wurde: "wir konnten nur unterschreiben, sonst konnten wir nichts machen". Bis auf ihr Verhalten bezüglich der afghanischen Regierung, so schien es mir, hat die afghanische Bevölkerung im allgemeinen keine Vorbehalte gegenüber den Amerikanern, noch weniger den anderen ISAF-Truppen gegenüber.
  • Noch immer gibt es nahezu keine Industrieproduktion in Afghanistan; alles wird aus dem Iran und Pakistan importiert. Ein Grund ist natürlich der schleppende Aufbau der Infrastruktur, ein anderer aber ist, dass es für die Afghanen, die von ihren Voraussetzungen her wirtschaftlich etwas auf die Beine stellen könnten, lukrativer ist, bei – vor allem ausländischen – Organisationen zu arbeiten. Offensichtlich wird die Situation beispielsweise bei den Englischlehrern. Ein Lehrer verdient zwischen 30 und 50 Dollar im Monat, bei einer ausländischen Organisation verdient ein englischsprechender Afghane das Zehnfache. Diese "wohldurchdachte" Preispolitik der über 1600 Hilfsorganisationen (allein in Kabul) lässt auch die Mieten der relativ intakten Häuser in Kabul in astronomische Höhen steigen.
  • Die gut 2 Milliarden Dollar, die der afghanischen Regierung auf der Berlin-Konferenz von den USA zugesprochen wurden, werden von zwei amerikanischen Firmen verwaltet – eine Strategie, wie mir scheint, um die Gelder so weit als möglich doch noch im eigenen Land halten zu können.
  • Wie oben schon angesprochen, gibt es in Kabul unklare Eigentumsverhältnisse, und so ist das natürlich auch im Rest des Landes. In solchen Dingen behalten noch immer die Mächtigeren die Oberhand. Und Mächtige gibt es viele, wenn man mal verfolgt, wie viele lukrative Posten Woche für Woche neu besetzt werden.
Christoph Laier